Nordafrika: Wie erleben Christen in muslimischen Ländern den Ramadan? Sie gehören entweder einer christlichen Minderheit wie den Kopten an – oder sie waren früher selbst Muslime. Der Ramadan hat auf sie einen grossen Einfluss, denn in diesem Monat bleibt oft der gesamte Alltag stehen und niemand arbeitet. Nachts versammeln sich die Familien und feiern. Christen gehören nicht dazu.
Ehemalige Muslime haben eine besonders schwere Zeit. Auf der Strasse sehen sie oft gleich aus wie die anderen, aber im Herzen sind sie Christen. Wenn ihr Glaube öffentlich wird, haben sie ein Problem, denn dann gelten sie für ihre Familie und Gesellschaft als Verräter. Doch wie ist das im Ramadan? Verraten sie sich oder fasten sie mit?
Marc* aus Nordafrika erzählt: «Ramadan ist der schwierigste Monat im ganzen Jahr. Wir als Christen essen, aber wir tun es heimlich und nicht öffentlich auf der Strasse. Das Verhalten beim Fasten ist in meinem muslimischen Umfeld sehr sichtbar – die Menschen sind gereizt, sie rauchen viel und benehmen sich auf der Strasse aggressiv. Ich muss während des Ramadans verstecken, dass ich gut gelaunt bin – denn das würde verraten, dass ich den Ramadan nicht einhalte.»
Viele Christen, die früher Muslime waren, fühlen sich im Ramadan einsam. Marc* aus Nordafrika sagt: «Im Ramadan geht es um Gemeinschaft – der ganze Familienclan trifft sich abends zum Fastenbrechen. Für mich ist es schwierig, weil ich nicht dazugehöre. Ich fühle mich im Ramadan noch einsamer als sonst, wenn alle zusammen sind und ich nicht. Ich fühle mich dann wie ein einsamer Ausländer in meinem eigenen Land.»
Für Marc* ist der Ramadan schwer auszuhalten, denn die gleichen Menschen, die sich dann so fromm geben und andere beurteilen, sieht er den Rest des Jahres und beobachtet Unstimmigkeiten: «Ich empfinde den Ramadan als Monat der Heuchelei, ganz nach dem Motto: Wenn du einen Monat das Fasten einhältst, bist du danach wie ein neugeborenes Baby – damit du die restlichen elf Monate machen kannst, was du willst.»
Rami* aus dem Nahen Osten sagt: «Ich finde nicht, dass Muslime im Ramadan offener für den christlichen Glauben sind als sonst. Es ist eher schwieriger als sonst, über Religion zu sprechen. Viele Leute feiern die ganze Nacht und schlafen den ganzen Tag.» Er erzählt: «Ich gehöre zu einer christlichen Minderheit – die Muslime wissen, dass ich Christ bin. Ich habe letzten Ramadan eine arme muslimische Familie eingeladen. Meine Frau kocht dann sehr fein und es gibt ein Festtagsmenü. Die Familien sind sehr erstaunt: Warum sollte ein Christ sie so beschenken? Ich sage ihnen: «Weil wir euch gern haben.» Am Ende des Abends haben sie Tränen in den Augen. Sie sagen: «Noch nie hat uns jemand im Ramadan zum Fastenbrechen eingeladen. Ihr als Christen seid die Ersten.» Dieser Akt der Liebe hat ihr Bild von uns als Christen massiv verändert – normalerweise gelten wir für sie als Ungläubige, die man verachten soll.»
Ramis Tipp für Schweizer, die Kontakt zu Muslimen aufnehmen wollen: «Wenn du jemandem einen Bibelvers per WhatsApp schickst, lässt ihn das kalt. Aber wenn du mit Muslimen Zeit verbringst, sie zum Fastenbrechen einlädst und ihr zusammen esst und lacht – das wird ihr Herz berühren.»
*Symbolbild, Name von der Redaktion geändert.




