«Pastoren haben in unseren Armen geweint»

Venezuela: Marc Jost, Nationalrat im Schweizer Parlament und Leiter des First Step Forum, besuchte im August 2026 Erdbebenopfer in Venezuela. Er begegnete den Partnern der HMK vor Ort. Hier schildert er seine Eindrücke von den Spuren des Erdbebens und der Hilfe, die immer noch geleistet wird: 

Du warst 50 Tage nach dem Erdbeben in Venezuela. Was waren deine ersten Eindrücke?
Schon bei meiner Ankunft konnte man es nicht übersehen, dass es eine grosse Zerstörung gab. Ich konnte nicht über den internationalen Flughafen in der Nähe von Caracas anreisen, sondern musste einen Umweg nehmen. Als wir dann in die Region des Epizentrums an der Küste fuhren, da zeigte sich mir wirklich ein Bild des Grauens. 

Du hast schon mehrere Katastrophengebiete besucht. Was war denn jetzt in Venezuela speziell oder anders als an anderen Orten für dich? 
Es gibt verschiedene Faktoren, die die Situation in Venezuela speziell machen. Zum einen ist es die grosse Krise, die eben auch politisch und wirtschaftlich herrscht. Das heisst, die Regierung ist schlecht aufgestellt, um schnell, rasch und professionell zu helfen. Sie ist auf grosse Unterstützung angewiesen. 

 Gleichzeitig ist Venezuela ein Land, das von starker Korruption geprägt ist. Und es ist davon auszugehen, dass viele Gebäude eben auch nicht erdbebensicher gebaut wurden, wie das den Vorgaben oder den Reglementen entsprochen hätte, sondern dass da oftmals schlecht gebaut wurde. Deshalb ist an der Küste in La Guairà fast eine ganze Region in sich zusammengefallen. 

Jetzt sind über 50 Tage seit dem Erdbeben vergangen. Was war dein Eindruck von der aktuellen Situation in Venezuela? In welcher Phase sind die Betroffenen gerade und wie geht es jetzt weiter? 
Die erste Phase, in der man sich unmittelbar um Opfer und Erstversorgung und existenzielle Lebensgrundlagen kümmerte, ist jetzt zu Ende. Die Lebensmittel- und Wasserversorgung, die medizinische Versorgung, Hygieneartikel – das funktioniert. Ein Lokalverantwortlicher einer Hilfsorganisation hat mir gesagt, die Regierung sei fast nicht mehr sichtbar, wenn es um diese Grundbedürfnisse geht. Es sind internationale Organisationen und Kirchen, die auch Hilfe aus dem Ausland erhalten, die diese Versorgung sicherstellen – durch oftmals freiwillige Helfer. 

Man merkt aber insbesondere bei den Freiwilligen, dass natürlich eine grosse Erschöpfung da ist, dass viele Menschen einfach über Wochen funktioniert haben, aber sich selbst nicht Sorge tragen konnten. Pastoren haben in unseren Armen geweint, weil sie erstmals ihre Betroffenheit und ihre traumatischen Erfahrungen jemandem erzählen und ausdrücken konnten.  

Jetzt, in dieser zweiten Phase geht es darum, diesen Helferinnen und Helfern zu dienen und ihnen seelsorgliche und psychologische Hilfe anzubieten. Danach wäre es wichtig, über die mittelfristige Zukunft zu sprechen und die Frage zu stellen: Wie können wir jetzt für die Menschen vor Ort in ihren Herausforderungen zukunftsorientiert einen Wiederaufbau planen?  

Würdest du guten Gewissens empfehlen, dass jemand für die HMK spenden sollte, wenn er Erdbebenopfer in Venezuela unterstützen möchte? 
Ja, auf jeden Fall. Die verantwortlichen Personen sind verlässlich und gut vernetzt. Das ist unter diesen Rahmenbedingungen sehr wichtig. Die HMK-Partner sind erfahrene Personen, die mit Unternehmen, mit Organisationen oder eben auch in den kirchlichen Organisationen gut zusammenarbeiten.  

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