«Was kann uns trennen von der Liebe Gottes?»

Moldawien: Sergei*, Natalyia* und ihre beiden Kinder sassen im Auto. Hunderte Autos warteten in der Dunkelheit darauf, evakuiert zu werden. Die Russen hatten ihre ukrainische Stadt angegriffen. Doch die Kontrollpunkte waren geschlossen. Die Kinder waren müde und schrien.

Intuitiv hatte Natalyia das Gefühl, es würde bald etwas passieren. Es dauerte nicht lange: Von weitem sahen sie mehrere Lichter über die Felder fliegen – taktische Raketen, die direkt auf sie zuflogen.

Eine nach der anderen schlug auf dem Feld um sie herum ein. Autos vor ihnen und hinter ihnen am Ende der Schlange wurden getroffen. Sergei musste sich schnell entscheiden: umdrehen und zurückfahren – oder auf das Gaspedal treten und durch die Felder fliehen, in der Hoffnung, keinen Betonblock, Baum oder Panzer zu treffen?

Die Kinder schrien, Natalyia betete laut. Sergei drückte das Pedal durch und raste über die Felder. Als sie genug Distanz zur Explosionszone zurückgelegt hatten, erfüllten Rufe des Lobes und des Dankes das Auto. Die beiden sahen sich gegenseitig an und sagten: «Was kann uns trennen von der Liebe Gottes? Nichts!»

Doch als Sergei zurückblickte und sah, wie es den Insassen der anderen Autos ergangen war, füllte sich sein Herz mit Trauer. Die meisten waren umgekehrt und konnten nun die Stadt nicht mehr verlassen. Am nächsten Tag schlossen die Russen alle Geschäfte und Schulen und verboten jegliche Versammlungen.

Die Familie schaffte es bis zur moldawischen Grenze, wo sie sich trennen musste. Da es keinem Mann erlaubt ist, die Ukraine zu verlassen, musste Sergei nach Odessa zurückkehren. Natalyia und die Kinder durften die Grenze passieren und wurden in einer moldawischen Gemeinde nahe der Hauptstadt Kischinau untergebracht. Alle drei litten unter einem Kriegstrauma und hatten Albträume. Die Kinder fürchteten sich vor lauten Geräuschen und Menschen in Polizeiuniformen. Unsere moldawischen Partner konnten ihnen medizinische, geistliche und materielle Hilfe anbieten.

Trotz ihrem Leid wollte Natalyia anderen Menschen helfen. Sie teilte uns mit, dass sie Kontakt zu einer Gemeinde in Mykolajiw im Süden der Ukraine hatte und dass dort ein grosser Mangel an Lebensmitteln und Hygieneartikeln herrschte. Mykolajiw wurde stark bombardiert und die Not dort war riesig. Unsere Partner entschieden sich, mit vielen Freiwilligen Lebensmittel, Wasserfilter und Hygienematerial nach Mykolajiw zu bringen – dank Natalyia, die sich einsetzte.

*Symbolbild, Namen von der Redaktion geändert.