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In Indien wächst der Druck auf Christen

Die Situation für religiöse Minderheiten in Indien verschlechtert sich. Der Generalsekretär der Evangelischen Allianz Indiens lieferte der UNO in Genf einen erschreckenden Bericht ab.

ideaSpektrum 16.2017. Indien befindet sich seit Jahren auf einer Abwärtsspirale was die Religionsfreiheit betrifft, doch über die Situation religiöser Minderheiten im 1,2 Milliarden Einwohnerland hört man bei uns fast nichts. „Indien hat einen fantastischen PR-Job gemacht, wenn es um sein Image nach aussen geht“, erklärt Vijayesh Lal. Der Generalsekretär der Evangelischen Allianz Indiens (Evangelical Fellowship of India EFI) weilte Anfang April 2017 in der Schweiz, um bei der UNO über die Menschenrechtssituation in seiner Heimat zu berichten. „Der Mythos, dass Indien tolerant und friedlich sei, muss aufgebrochen werden“, betont der Pfarrer aus Neu-Delhi. Mit dem Aufkommen des hinduistischen Nationalismus in den 1990er-Jahren hätten die gewaltsamen Vorfälle gegen religiöse Minderheiten zugenommen.

 

 

2,3 Prozent der Einwohner Indiens sind Christen. Quelle: wikipedia.org

Überprüfung Indiens durch den UN-Menschenrechtsrat

Im Mai 2017 haben Staaten aus der ganzen Welt anlässlich der periodischen Überprüfung Indiens durch den UN-Menschenrechtsrat ihre Stimme erhoben. Indien wurden aufgefordert, nicht länger das Klima zu dulden, in dem Übergriffe auf religiöse Minderheiten ungestraft geduldet werden, sondern die Glaubensfreiheit zu respektieren und die in einigen Bundesstaaten in Kraft gesetzten Antikonversionsgesetze aufzuheben.

 

Indien hat sich mit der Antwort begnügt, dass es ein säkulares Land sei und als solches keine Diskriminierungen mache und dass jeder Bürger die Freiheit habe, seinen Glauben zu praktizieren und darüber zu sprechen. Leider ist es aber so, dass, wenn Indien jetzt nicht Gegensteuer gibt, der Hass und die Verfolgung weiter zunehmen werden.

Michael Mutzner, ständiger Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) bei der UNO in Genf. Foto: © Michael Mutzner

Christenverfolgung in Indien – Was tun?

Meine Botschaft für meine Brüder und Schwestern in der Schweiz lautet: Beten Sie für uns! Wir brauchen Ihre Gebete! Beten Sie also für die Kirche in Indien. Die Kirche in Indien wächst, aber sie wird auch verfolgt. Ihre Gebete machen einen Unterschied. Ich möchte Sie auch ermutigen, sich für die Christen in Indien einzusetzen. Die Lage der Christen in Indien wird nicht genug wahrgenommen. Wenige Menschen wissen, dass die Christen dort unter Verfolgung leiden.

 

Morde und Vergewaltigungen
Zugespitzt hat sich die Lage nochmals seit den letzten Parlamentswahlen im Mai 2014, als die hindu-nationalistische Partei „Bharatiya Janata Party“ (BJP) einen erdrutschartigen Sieg errang und das Land seither von Premierminister Narendra Damodardas Modi regiert wird. Für das Jahr 2015 wurden von staatlicher Seite offiziell 751 gewalttätige Übergriffe gegen Minderheiten (2014: 644) mit 97 Todesopfern (2014: 95) und 2‘264 Verletzten (2014: 1‘921) registriert. Die Dunkelziffer dürfte dabei noch um einiges höher liegen und offizielle Zahlen für 2016 liegen nicht vor.
Was die Christenverfolgung angeht, registrierte EFI im Jahr 2016 348 Übergriffe mit mehreren Todesopfern; eine besorgniserregend hohe Zunahme zu den Vorjahren (2015: 177 / 2014: 147). Seit Anfang dieses Jahres sind schon 150 Übergriffe gegen Christen bekannt geworden, sagt Lal (Stand Anfang Juni 2017). Pastoren wurden geschlagen, Gottesdienste verhindert, Privathäuser attackiert und Frauen vergewaltigt. Die Polizei verhalte sich oft parteiisch und verfolge die Täter kaum oder schütze sie sogar.


Lal berichtet auch von struktureller Unterdrückung, die direkt von der Regierung ausgehe. So würden in immer mehr Bundesstaaten Indiens Antimissionierungsgesetze eingeführt. Pastoren würden oft im Gefängnis landen, weil ihnen vorgeworfen wird, zu missionieren. Es sei ein „Tool of Harrassment“, meint Lal. Ein reines Schikanewerkzeug. Premierminister Modi hat zudem in seiner kurzen Amtszeit bereits 25‘000 Zulassungen für Nichtregierungsorganisationen zurückgezogen. Viele davon sind christlich. Sogar zahlreiche Waisenhäuser von Mutter Teresa wurden geschlossen. Das internationale christliche Kinderhilfswerk „Compassion“ musste im März 2017 seine Arbeit in Indien nach 49 Jahren komplett einstellen. Betroffen von dem Schritt sind 145‘000 Patenkinder. Die indische Regierung hatte dem Werk fälschlicherweise vorgeworfen, die Kinder zu „bezahlen“, damit sie Christen werden.


Internationaler Druck wirkt
Die Menschenrechtslage in Indien wurde im Mai 2017 einer periodischen Überprüfung durch die UNO unterzogen (siehe Kasten). Michael Mutzner ist ständiger Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) bei der UNO in Genf. Die WEA könne zwar nicht direkt eine Empfehlung abgeben, aber sie könne im Vorfeld Gespräche organisieren, wie zum Beispiel mit Vijayesh Lal. Bei der letzten Überprüfung im Jahr 2012 sei Indien sehr gut weggekommen, meint Mutzner. Diesmal habe er den Eindruck gehabt, dass der Bericht Lals ernst genommen wurde. Doch er sagt auch: „Wenn bei der Prüfung Besorgnis ausgedrückt wird, wäre das schon ein Erfolg.“ Dennoch sei es wichtig, dass Indien zu seinen innenpolitischen Themen Stellung nehmen muss. „So merken sie, dass sie nicht einfach machen können, was sie wollen“, erklärt Mutzner. Für Indien seien die internationalen Beziehungen nach wie vor sehr wichtig. „Das Land befürchtet, dass sein Image leidet. Es gilt noch immer als grösste Demokratie der Welt und will, dass das so bleibt.“ Internationaler Druck sei dafür das beste Mittel.
Auch Vijayesh Lal sagt, dass es immer noch Wirkung zeigt, wenn die Stimme erhoben wird. Er ruft Christen in Europa dazu auf, für Indien zu beten und die Menschen und Behörden hierzulande auf die Situation in Indien aufmerksam zu machen. (Christof Bauernfeind)