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Indien: Glaubensfreiheit in Gefahr

September 2017 - Unvermindert gibt es in ganz Indien Gewalttaten gegen religiöse Minderheiten. Chhaya*,  eine indische Rechtsanwältin und Partnerin der HMK vor Ort, gibt uns einen Einblick in die Lage.  

hmk. In den vergangenen drei Jahren sind bei lokalen Gewaltausbrüchen in Indien (Morde, Entführungen, sexuelle und physische Übergriffe sowie Drohungen und Einschüchterungen) mehr als 278 Personen getötet und über 6‘500 verletzt worden. Das erklärte die indische Regierung am 7. Februar 2017 im Parlament. Davon stark betroffen sind die Christen. Sie machen gerade einmal 2,3 Prozent der indischen Bevölkerung aus, aber sie litten unter Gewalt und Feindseligkeiten in 15 Bundesstaaten und Unionsgebieten von Indien.


Untätigkeit des Staates
Die Gewalt gegen Christen bleibt oft undokumentiert und ungeahndet. Viele Opfer beklagen, dass die Polizei nicht aktiv wird und der Staat nicht auf die Gewaltübergriffe reagiert. In einigen Fällen war die Polizei sogar den christlichen Opfern gegenüber feindselig eingestellt und ganz offen auf der Seite der Gewalttäter. Angesehene Mitglieder der regierenden politischen Parteien tragen zudem dazu bei, dass die Diskriminierung und Feindseligkeiten gegen religiöse Minderheiten weiter zunehmen.
Auch der Ausschluss vom gesellschaftlichen Leben ist eine weit verbreitete Taktik. Es kommt vor, dass Christen der Zugang zu Wasser, zu Elektrizität oder zu Arbeit verweigert wird. Hinzu kommt noch eine aggressive Rekonvertierungs-Kampagne (Bekehrung ehemaliger Hindus zurück zum Hinduismus), die von gewissen nationalistischen Hindugruppen als Teil einer Kampagne zu einem „christenfreien Indien“ forciert wird.

Chhaya reist auch an Orte, wo Verfolgung herrscht, um Informationen aus erster Hand zu bekommen. Foto: © HMK

Interview mit Chhaya

Wie unterstützen Sie die verfolgte Kirche?

Ich bin Rechtsanwältin und setze mich vor Gericht für Christen ein, die Ziel von Angriffen wurden. Ich führe auch Weiterbildungskurse in Verfassungsrecht und Strafrecht durch. Das soll Christen in heiklen Situationen helfen, die Rechtsmittel zu kennen, die ihnen zur Verfügung stehen.

Das klingt komplex und auch herausfordernd. Wie sieht Ihr Alltag konkret aus?
Kürzlich hatte ich einen Gerichtsprozess, in dem wir fünf Personen gegen Kaution frei bekommen wollten. Sie wurden der Kindsentführung beschuldigt und sollten angeblich versucht haben, die Kinder durch Verlockungen zum Christentum zu bekehren. In diesem Fall hatten die betroffenen Eltern eine schriftliche Erklärung dem Gericht übergeben, in der sie betonten, dass sie ihre Kinder in voller Einwilligung zu den Christen geschickt hätten und dass keine Verlockung zum Konvertieren zum Christentum vorlag. Obgleich die Sachlage klar war, gelang es uns nicht, vom Gericht die Hafterleichterung zu bekommen. Das war sehr frustrierend und nicht leicht zu verdauen.

Was motiviert Sie trotzdem zum Weitermachen?
Hinter jedem Fall, hinter jeder Statistik der Gewalt, steht eine echte Person, die ungeheuren Druck wegen ihres Glaubens erleidet. Mein Engagement kann ihnen auf spürbare Weise helfen. Ich glaube an das Versprechen, das Jesus in Markus 13,11 Seinen Jüngern gibt: „Wenn sie euch verhaften und vor Gericht stellen, dann macht euch keine Sorgen, was ihr sagen sollt. Sagt, was euch in dem Augenblick eingegeben wird. Denn nicht ihr werdet dann reden, sondern der Heilige Geist wird aus euch sprechen.” Ich glaube, dass Gott, der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Mitleid liebt, uns zeigen wird, wie wir uns vor diesen Autoritäten verteidigen sollen.

Können Sie uns eine motivierende Geschichte erzählen?
Ashok ist Pastor einer Gemeinde in einem entlegenen Dorf in Chhattisgarh. Er wurde verprügelt, bedroht und verhaftet wegen seines Glaubens. Doch als er entlassen wurde, ging er wieder zurück in sein Dorf und diente unter denen, die ihn angegriffen hatten. Sein starker Charakter hat bewirkt, dass der Glaube seiner jungen Gemeindeglieder gewachsen ist und dass andere im Dorf mehr über seinen Glauben wissen wollten.

 

*Name aus Sicherheitsgründen geändert.

Am 17. April 2016 überfielen im indischen Bundesstaat Chhattisgarh nicht identifizierte Angreifer eine Kirche. Sie verprügelten Pastor Dinbandu Dinand und seine schwangere Frau und versuchten, sie in Brand zu setzen. Dem Pastor und seiner Frau gelang die Flucht. Foto: © HMK

Hilfe, die ankommt – für Christen in Indien

Rechtshilfe

Wollen Sie die Arbeit von Chhaya unterstützen, damit indische Christen, die Opfer von Gewalt wurden, juristische Hilfe erhalten und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden? 400 Franken (360 Euro) betragen die durchschnittlichen Anwaltskosten pro Fall.

Gemeindebau
Die Reise- und Lebenshaltungskosten eines indischen Gemeindegründers betragen im Durchschnitt 120 Franken (110 Euro) pro Monat. Helfen Sie uns, diese Ausgaben zu decken?

Empfehlungen an die indische Regierung

  • Die Regierung sollte die Sicherheit religiöser Minderheiten garantieren: Die Zentralregierung, die Regierung der Bundesstaaten und die Polizei sollten entsprechende Signale senden.
  • Die Regierung müsste den gesetzlichen Schutz für religiöse Minderheiten durchsetzen und Massnahmen ergreifen, um die Kultur der Straflosigkeit zu beenden. Verstösse sollten effizient untersucht und protokolliert werden und angemessene und rechtzeitige Schritte seitens der Polizei und der Justiz unternommen werden.
  • Die Regierung sollte bei der Ausbildung von Polizei und Justiz eine Lehreinheit über die Rechte religiöser Minderheiten einführen. Das Parlament sollte aktiv werden und verschiedene diskriminierende Gesetze eliminieren.
  • Die Regierung sollte die Mechanismen zur Überwachung der Einhaltung der Menschenrechte stärken; dazu gehört die Nationale Kommission für Minderheiten und die Nationale Menschenrechtskommission.