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Jemens Christenheit wächst

Dezember 2018 - Im Jemen findet die zurzeit grösste humanitäre Katastrophe statt. Saudi-Arabiens erbarmungsloser Bombenkrieg wirft bei den Jemeniten tiefgreifende Fragen auf. Der Nahost-Projektleiter der HMK steht in intensivem Kontakt mit Leuten im Land und koordiniert die Nothilfe vor Ort. Er beobachtet ein wachsendes Interesse am christlichen Glauben.

livenet: Herr Schwab, man hört wenig über die Situation der Menschen im Jemen – wie ist die aktuelle Lage?
Fast unbemerkt von der Weltöffentlichkeit vollzieht sich im Jemen die laut UNO derzeit grösste humanitäre Katastrophe. Im ärmsten Land der Arabischen Halbinsel, das zur Hälfte aus Schiiten und Sunniten besteht, liefern sich schiitische Huthi-Rebellen und die von Saudi-Arabien unterstützte sunnitische Regierung einen Machtkampf. Saudi-Arabien fliegt seit 2015 tägliche Luftangriffe gegen die Rebellen und nimmt dabei auch Hospitäler, Schulen und Wohnviertel ins Visier. Mehrfach beklagte die UNO das rücksichtslose Vorgehen der Saudis, weil ein unverhältnismässig hoher Anteil, nämlich 93 Prozent aller Kriegsopfer, Zivilbevölkerung, Frauen und Kinder, sind. Mehr als 50 Prozent aller medizinischen Einrichtungen und Schulen funktionieren nicht mehr. 22 Millionen Menschen hungern, 70 Prozent aller Mädchen unter 18 Jahren werden zwangsverheiratet und die Jungs an Milizen verdingt. Hinzu kommt die schlimmste Cholera-Epidemie seit Menschengedenken mit über 1,1 Millionen Infizierten. Alle fünf Minuten stirbt ein Kind unter fünf Jahren durch ungenügende medizinische Hilfe und mangelnde Ernährung, nur weil die Saudis eine Totalblockade angeordnet haben und selbst UNO-Hilfslieferungen kaum noch ins Land kommen. Zusätzlich zu allem Übel richteten 2018 zwei der stärksten Wirbelstürme der letzten Jahrzehnte verheerende Schäden an der Ostküste Jemens an und hinterliessen Tausende Flutopfer.

Krieg, Hunger und Cholera. Im Jemen stirbt alle 5 bis 10 Minuten ein Kind. Foto: © HMK

 

Warum hört man davon so wenig?
Es ist schwierig, zuverlässige Berichte aus dem kriegserschütterten Jemen zu bekommen, da das finanzstarke Saudi-Arabien und seine arabischen Verbündeten Hauptaktionäre vieler internationaler Medienkonzerne sind und öffentliche Kritik mit dem Verweis auf finanzielle Konsequenzen zu unterbinden versuchen. Erst diesen Sommer stellte die Washington Post die offiziellen Todeszahlen für den Jemen in Frage, da sie seit Anfang des Krieges im Jahr 2015 unverändert blieben – trotz täglicher Luftangriffe, trotz des weltweit schlimmsten Choleraausbruchs. Saudi-Arabien ist seit langem erfolgreich darum bemüht zu verhindern, dass unabhängige Berichterstatter und Experten ins Land kommen, und so erscheinen nur sporadisch Nachrichten über Kriegsverbrechen; wie zum Beispiel der Beschuss eines vollbesetzten Schulbusses im August 2018, bei dem alle Kinder starben, oder die Blutbäder bei einer grossen Beerdigung und einer Hochzeitsgesellschaft, jeweils mit vielen Toten und Verletzten.

Schadet der innerislamische Konflikt dem Ansehen des Islam bei den Bewohnern des Jemen?
Ja, zumal Saudi-Arabien, der offizielle Hüter und Wächter der heiligen Stätten des Islam sowie der Haupt-Propagator des Islam weltweit ist und der selbsternannte muslimische Vorbildstaat. Er greift nun seinen muslimischen armen Nachbarstaat Jemen mit einem erbarmungslosen Bombenkrieg an. Die Jemeniten fühlen sich von ihren Glaubensbrüdern verraten und im Stich gelassen.

Wächst das Interesse am christlichen Glauben?
Seit Anfang des Bombenkrieges im März 2015 hat sich die Zahl der Untergrundchristen im Jemen zahlenmässig mindestens verdreifacht und die Konvertiten werden mutiger und aktiver; treffen sich heimlich in Hausgruppen. Inzwischen haben Menschen aus allen sozialen Schichten zu Christus gefunden, obwohl sie sich damit als „Abtrünnige“ vom Islam in Todesgefahr begeben. 2018 war bisher das schlimmste Jahr für die jemenitischen Christen, weil sie durch das rapide Wachstum vermehrt in den Fokus von Extremisten und Behörden geraten.

Wie finden Menschen zu Christus?
Ein jemenitischer Christ verteilte vor zwei Monaten unter armen Studierenden einer grossen Universität Lebensmittel. Die Studierenden fragten ihn, warum er das mache, und so konnte er von seiner neuen Hoffnung durch Jesus berichten. Daraufhin haben sich sechs jemenitische Studenten für Jesus entschieden, einer hatte sogar einen Traum von Jesus. Sie haben sich der lokalen Untergrundgemeinde angeschlossen. In einer anderen Stadt halfen jemenitische Christen in einem stark durch Cholera verseuchten Slumgebiet durch Präventionsmassnahmen den armen Bewohnern, die zu einer ausgegrenzten, verachteten Bevölkerungsschicht gehören. Die Slumbewohner wunderten sich, warum diese Leute ihnen helfen, da sie noch nie Hilfe bekommen haben. Das kleine Team von Christen antwortete: „Wir tun das, weil Gott euch liebt!“ Die Slumbewohner sagten: „Wir wussten gar nicht, dass Gott unsere Leiden fühlt und wir Ihm nicht egal sind.“ In den folgenden Wochen entstanden einige Hauskreise.

Wie können wir den jemenitischen Geschwistern beistehen?
Durch Gebet und auch bei unseren Politikern dafür einstehen, dass dieser ungerechte Krieg endlich beendet wird und das kriegstreibende Saudi-Arabien dafür sanktioniert wird. Die einheimischen Christen im Jemen sind aktiv und helfen ihren notleidenden Landsleuten, Nachbarn und Freunden wo sie können, damit diese das Notwendige zum Überleben bekommen. Als HMK unterstützen wir die einheimische Untergrundkirche, damit diese mit Lebensmitteln, Trinkwasserversorgung, medizinischem Hilfsmaterial, Schulaufbau und -ausrüstung sowie Notunterkünften im ganzen Land helfen kann.

Interview: Daniel Gerber, livenet.ch

Unterstützen

Mit 70 Franken (60 Euro) können Sie einer Familie eine Monatsration Essen zukommen lassen.
Mit 100 Franken (85 Euro) ermöglichen Sie für eine Familie Trinkwasserversorgung und Cholera-Prävention.
Mit 60 Franken (50 Euro) ermöglichen Sie einem Kind die Schulbildung für ein Jahr.

Die lokalen Partner der HMK versorgen im Jemen regelmässig 18‘000 Menschen mit dem Überlebensnotwendigen. Foto: © HMK