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Jemen: Das Schlimmste, was je dokumentiert wurde

Januar 2018 – Im Jemen droht die grösste humanitäre Katastrophe. Bereits 22 Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen. Neben der Hungerkatastrophe breitet sich auch eine Cholera-Epidemie unkontrolliert aus.

Sonntag/Doppelpunkt. Alles wurde noch schlimmer. Am 1. Juli 2015 rief die UNOdie höchste Notstandsstufe für den Jemen aus. Und die Unesco erklärte zwei Welterbestätten, die Altstadt von Sanaa und die Festungsstadt Shibam, als bedroht. Doch es geschah nichts. Heute brauchen 22 Millionen Menschen humanitäre Hilfe – bei einer Gesamtbevölkerung von 27,3 Millionen Menschen. Und täglich werden es mehr. Denn die Cholera-Epidemie im Land breitet sich aufgrund fehlenden Trinkwassers massiv aus. Mit einer Million Erkrankten sind die Prognosen des Roten Kreuzes per Ende 2017 bereits übertroffen. Noch nie wurde in der Geschichte der Menschheit ein solches Ausmass dokumentiert. Die Bevölkerung eines ganzen Landes steht vor dem Untergang.

Im Jemen hungern 22 Millionen Menschen (über 80 Prozent der Bevölkerung). Mehr als 10 Millionen kämpfen akut um ihr Leben. Foto: © HMK

Tägliche Bomben
Dafür gibt es klar benennbare Verantwortliche. Seit März 2015 führt eine Allianz unter dem Diktat von Saudi-Arabien im Jemen täglich Luftschläge auf die Infrastruktur und die Bevölkerung durch. Trotz dieser täglichen Gewalt konnten die schiitisch-zaiditischen Huthis, die weite Landesteile und die Hauptstadt Sanaa kontrollieren, nicht zurückgedrängt werden. Aber Saudi-Arabien gibt nicht auf. Grosse Teile des Landes sind deshalb von täglichen Raketenangriffen betroffen. Denn die Huthis werden vom theokratisch-totalitären Iran finanziert, den es nach saudischer Lesart zurückzudrängen gilt. Die islamische Republik hat sich immer noch zum Ziel gesetzt, den Schiiten zu mehr Macht zu verhelfen. Derweil kämpft Saudi-Arabien für die Vorherrschaft der Sunniten.

Weil der Stellvertreterkrieg im Jemen trotz des Einsatzes enormer Mittel mit verheerenden Folgen nicht vom Fleck kommt, hat Saudi-Arabien am 5. November 2017 die Grenzen zum Jemen über Land-, Luft- und Seewege geschlossen. Verantwortlich dafür ist der 32-jährige saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, kurz MBS genannt, einer der 45 Söhne des saudischen Königs. MBS ist seit zwei Jahren an allen Fronten hyperaktiv. Der saudischen Jugend verspricht er mit der Reformagenda 2030 eine blühende Zukunft, den Frauen mit Liberalisierungen (Autofahren und Zugang zu Sportstadien in männlicher Begleitung) neue Perspektiven und der Welt mit einer „Rückkehr zu einem moderateren Islam“ Anschluss an die Gegenwart. Diese Politik geht aber Hand in Hand mit einem neuen Gewaltregime. Die Isolierung Katars verantwortet MBS als Verteidigungsminister ebenso wie das Aushungern des Jemen.

 

 

Über jemenitische Partnernetzwerke leistet die HMK Nothilfe für 18‘000 Menschen im Jemen. Foto: © HMK

Spannungen an allen Fronten
So überrascht es keineswegs, dass der jemenitische Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi in Riad sitzt und den Jemen von Saudi-Arabien aus „führt“. Aber er hat auch in seiner temporären Hauptstadt Aden nicht mehr viel zu melden. Dort haben im Mai 2017 führende Politiker und Militärs die Bildung einer neuen „Übergangsregierung“ für Südjemen verkündet. Nachdem die Allianz unter Führung von Saudi-Arabien die Huthi aus Aden vertrieben hatte, brachen die alten Gräben wieder auf. Denn in der ölreichen südlichen Provinz Hadramaut wird mit Bitterkeit registriert, dass man bei den Erdölverkäufen der Regierung leer ausgeht. Die Folge sind Kämpfe zwischen den Hadi-Anhängern (Saudi-Arabien) und der neuen südjemenitischen Fraktion in Aden, wovon die Al-Qaida massiv profitiert. Die südjemenitischen Anführer haben zudem inzwischen auch Beziehungen zu den Emiraten aufgebaut, was Hadi (und hinter ihm Saudi-Arabien) erbost, weil die Emirate die Sezessionisten fördern. MBS setzt auf eine Vorherrschaft ausserhalb seines Landes, weil es in Saudi-Arabien an allen Fronten bröckelt, was soeben zu einer Säuberungswelle unter der Elite geführt hat. MBS verhandelt jetzt mit den kürzlich festgenommenen Prinzen und Milliardären um Zahlungen für die Wiedererlangung der Freiheit. So bringt er Kritiker zum Schweigen und generiert neue Einnahmen. Denn der Erdölpreis liegt mit gut 60 Dollar pro Fass immer noch weit unter den budgetierten Vorgaben. Die „Saudifizierung“ des Landes hat dazu geführt, dass 80 Prozent der Männer als teure Beamte arbeiten, während die Unternehmen faktisch von Ausländern geführt werden. Das sind keine guten Vorzeichen für die Zukunft. Gleiches gilt für die militärischen Interventionen von MBS im Jemen. Sie beleben die Position Irans und führen langsam – das ist zu hoffen – zu einer internationalen Entrüstung. Denn Saudi-Arabien ist für das entsetzliche Aushungern des Jemen direkt verantwortlich und wegen der Zugangsblockade auch für die Cholera-Epidemie dieses ungeheuren Ausmasses.

 

Die Blockade verschärfe „die schlimmste humanitäre Krise der Welt“, appellierten im November 2017 mehrere Organisationen. Die HMK ist seit Jahren in der Region aktiv. Über bewährte jemenitische Partnernetzwerke leistet sie regelmässig Nothilfe für mehrere Tausend Menschen: Medizinische Hilfe, Cholera-Prävention, Hilfsgüter, Zufluchtsorte, Schulbildung und Traumabewältigung. „93 Prozent der Opfer der Bomben im Jemen sind Zivilisten. Dennoch wird täglich weiter bombardiert“, sagt der HMK-Nahost-Projektleiter Matthias Schwab, Kenner der arabischen Welt. Er zählt die Folgen auf: „Im Jemen hungern 22 Millionen Menschen, über 80 Prozent der Bevölkerung, und mehr als 10 Millionen kämpfen akut um ihr Überleben. Bis zu 4,5 Millionen Menschen sind im Land auf der Flucht und bald eine Million Menschen hat Cholera.“ Millionen von Kindern sind betroffen. „Wann wacht endlich die Welt auf?“ fragt er. Zu Recht.

Autor: Anton Ladner, Redaktionsleiter „Sonntag“ und „Doppelpunkt“
Quelle: Wochenzeitschriften „Sonntag“ und „Doppelpunkt“ Nr. 47/2017