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Arabien: Von der Familie verstossen, von den Behörden verfolgt

Februar 2017 - Er wollte den Islam verteidigen und wurde dabei zum Christen: Rachid hat erlebt, welche Konsequenzen ehemaligen Muslimen in islamischen Ländern drohen.

Mein Name ist Rachid, ich bin in einer konservativen islamischen Familie in Marokko aufgewachsen. Mein Vater war Imam. Von der christlichen Version von Jesus Christus hörte ich das erste Mal durch ein Radioprogramm. Der Beitrag provozierte mich. Ich begann, über vier Jahre hinweg mit den Anbietern des Programms zu korrespondieren. Es endete damit, dass ich Ende 1989 zum Christentum übertrat.
Meine Familie erfuhr erst später von meinem neuen Glauben. Ich wurde von ihnen verstossen und von den marokkanischen Behörden verfolgt. Dies ist nicht nur meine Geschichte, es ist die Geschichte von Tausenden Muslimen, die in der islamischen Welt zum Christentum konvertieren. Viele von ihnen leben sehr diskret und wenn jemand ihr Geheimnis lüftet, verwandelt sich ihr Leben in die Hölle auf Erden.
Über das Radioprogramm lernte ich ehemalige Muslime kennen. Wir trafen uns heimlich und schmuggelten Bibeln ins Land, weil Bibeln in arabischer Sprache hierzulande verboten sind. Sie gelten als Werkzeuge der Missionierung. Wir schlossen die Fenster, um unbemerkt singen und beten zu können. Einige von uns wurden verhaftet, andere bedroht, drangsaliert, befragt oder zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt.

Konversion in Live-Sendung

Ich moderiere eine Sendung im arabischsprachigen Fernsehen. Sie wird über Satellit in ganz Nahost und Nordafrika ausgestrahlt. Ich nenne sie Gewagte Fragen. In der Sendung debattiere ich donnerstagnachts live mit Muslimen. Dabei bekomme ich Anrufe aus der ganzen muslimischen Welt. Viele der Anrufer bezeugen ihren Glaubenswechsel weg vom Islam und hin zu Jesus Christus live in der Sendung. Diese Konvertiten leben in ihrer Heimat im Untergrund. Sie fürchten Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung, und trotzdem werden es immer mehr. Sie benötigen Hilfe und Menschenrechtsorganisationen, die ihre Rechte verteidigen.

 

 

Rachid moderiert wöchentlich die Sendung Gewagte Fragen im christlich-arabischen Sat-TV, das in die ganze arabische Welt ausgestrahlt wird. Quelle: youtube, BROTHERRACHID

 

Keine Rechte für Konvertiten
Christen mit muslimischem Hintergrund haben keine Rechte in muslimischen Ländern. Sie dürfen weder privat noch öffentlich beten. Sie haben kein Recht auf Bibeln in arabischer Sprache, dürfen ihren Kindern keine christlichen Namen geben und werden gezwungen, im Ramadan zu fasten – essen sie im Fastenmonat in der Öffentlichkeit, werden sie verhaftet. Wenn Frauen konvertieren, werden sie weiter als Muslima behandelt. Sie dürfen keinen Christen heiraten.


Eigentlich müsste mein Vater mich töten
Die traditionellen Kirchen im Nahen Osten können den Konvertiten nicht helfen, denn sie werden ebenfalls verfolgt. Die koptische Kirche in Ägypten zum Beispiel darf keine vom Islam Übergetretenen aufnehmen oder Muslime taufen. Das würde als Missionierung betrachtet und Muslime zu missionieren ist nicht erlaubt. Die Kirche würde dafür angegriffen werden. Viele Konvertiten aus Ägypten schreiben mir, dass sie von beiden Seiten zurückgewiesen werden: Von der Kirche aus Angst und von der Gesellschaft, weil sie als Verräter angesehen werden. Nach dem Gesetz der Scharia sollten sie sogar getötet werden. Mohammed sagte: „Tötet, wer seine islamische Religion aufgibt.“
Ich erinnere mich noch an die Diskussionen mit meinem Vater. Einmal schrie er: „Was tust du uns an? Warum hast du Schande über unsere Familie gebracht?“ Ich weinte, weil ich den Druck kannte, den die Gesellschaft uns auferlegte. Doch ich konnte meinem neuen Glauben nicht entsagen. Ich sagte meinem Vater, dass ich es satt hätte und müde sei. „Was verlangt der Islam von dir zu tun?“, fragte ich ihn. Er antwortete: „Du weisst es. Laut dem Islam sollte ich dich töten.“ Ich fragte ihn, warum er es nicht tue. Er schaute mich an, als ob er seinen Ohren nicht traute, mit Tränen in den Augen sagte er: „Du weisst, dass ich dich nicht töten kann. Du bist mein Sohn, ich kann meinen Sohn nicht töten.“

Unsichtbare Opfer

Wir brauchen die Hilfe internationaler Kirchen. Ich spreche im Namen von Tausenden Konvertiten, die in der muslimischen Welt leiden müssen. Wir benötigen die Hilfe von Christen aus aller Welt, dass sie hinter uns stehen, für uns eintreten und anprangern, was wir erleiden müssen. Viele der Konvertiten, mit denen ich spreche, fühlen sich alleingelassen. Sie stehen nicht auf der Agenda der politischen Umwälzungen, die sich gerade im Nahen Osten abspielen. Wir sind die unsichtbaren Opfer. Die Menschen müssen verstehen, dass wir echte Anhänger von Jesus Christus sind. Wir sind eins mit der Kirche. Wenn ein Teil des Körpers leidet, leidet der ganze Körper mit.•

Autor: Rachid, Zeit Online (gekürzte Fassung), 26.12.2015

Arabiens Christen brauchen Hilfe

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