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Arabien: Die Menschen sind desillusioniert und stellen Fragen

Die Hälfte der Bevölkerung im arabischen Raum ist weniger als 20 Jahre alt. Viele von ihnen sind auf der Suche nach Gott. Foto: © HMK

hmk./ Mai 2016 - Die arabische Welt ist im Umbruch. Was sind die Hintergründe? idea sprach mit dem Nahost-Projektleiter der HMK. Er hat lange in der Region gelebt.

 

Herr Schwab, wo sind die Schwerpunkte von Gottes Handeln in den arabischen Ländern?

Da, wo die arabische Bevölkerung am meisten leidet, erleben wir ein gros-ses Fragen nach Gott, ein Zweifeln an der eigenen Religion und Tradition, an Strukturen und Führern. Eine gros-se Desillusionierung bricht sich Bahn, die Menschen suchen nach Alternativen. In Nordafrika, aber auch in den Golfstaaten – einschliesslich Saudi-Arabien, dem restriktivsten Land – sehen wir eine grosse Masse von vorwiegend jungen Menschen und Intellektuellen, die aufbegehren gegen das System. Viele werden Atheisten – andere suchen in anderen Religionen.

 

Was lässt diese jungen Menschen aufbegehren?

Die Hälfte der Bevölkerung im arabischen Raum ist weniger als 20 Jahre alt. Sie haben keinen Anteil an Führungspositionen und Entscheidungen. Viele sind arbeitslos, sie werden mit Benefiz abgespeist, bekommen vielleicht eine Wohnung und ein Handy – werden aber nicht an sinnvollen Prozessen beteiligt. Darum sind Millionen desillusioniert. Viele studieren, weil kein Arbeitsplatz für sie vorhanden ist und das Studium nur eine Beschäftigungstherapie. Bei Jugendlichen gibt es darum ein Riesen-Sinnvakuum. Die politischen Führer sind alles alte Herren. Darum brechen die Jungen aus. Entweder werden sie für den Dschihadismus instrumentalisiert, oder sie suchen andere Sinn-Inhalte.

 

Suchen sie auch im christlichen Glauben?

Ja, etliche liebäugeln damit, weil er für viele die attraktivste Alternative ist. In den frühen mekkanischen Suren des Korans werden die Christen ja durchaus positiv dargestellt, z.B. Sure 5,82: „Unter allen Menschen werden die Christen eure besten Freunde sein, denn sie sind nicht hochmütig.“ Die späteren – und damit die theologisch gültigen – Suren allerdings sind sehr gegen Christen artikuliert. Hier wird Hass verbreitet, der in vielen Moscheen leider oftmals aufgenommen wird.

 

Aber unter Muslimen ist das dumpfe Wissen verbreitet: „Wenn man in Not ist, kann man sich an die Christen wenden, denn sie haben Mitleid.“ Man weiss, dass die Christen von Barmherzigkeit motiviert sind. Dies wissen übrigens auch die heutigen Flüchtlinge; sie fliehen lieber in Länder, in denen ihnen Barmherzigkeit und Mitleid entgegenkommen – also in den Westen – als in muslimische Länder.

Wenn Muslime ihre Religion hinterfragen und am christlichen Glauben interessiert sind, was können sie tun?

Die Medien spielen hier eine grosse Rolle, auch christlich-arabische Satelliten-TV-Sendungen. Zum ersten Mal werden Muslime im ganzen arabischen Raum herausgefordert, geistliche Fragen zu stellen. Die Sendungen werden in ihrer Muttersprache ausgestrahlt, gehen Fragen an, welche die Massen bewegen, und haben das Tabu gebrochen, dass man kritische Fragen an Gesellschaft und Religion nicht stellen darf.

Je brutaler beispielsweise heute der IS auftritt, umso mehr haben die Menschen Zweifel. Sie suchen im Internet und im Satelliten-TV nach Antworten. Vorher waren Fragen unter Muslimen einfach nicht erlaubt. Allah kritisiert man nicht. Diese Kritikunfähigkeit wurde von den christlich-arabischen Satelliten-Sendungen aufgebrochen, genau wie Al-Jazeera es im politischen Bereich gemacht hat. Immer, wenn ich in arabischen Ländern bin, beobachte ich: Al-Jazeera und diese christlich-arabischen Sendungen werden zusehends beliebter.

 

Welche Kanäle nutzen Muslime im arabischen Raum, um Jesus zu finden?

Es gibt etwa 20 christliche arabische TV-Sender, davon etwa vier oder fünf grosse. Das Fernsehen, aber auch das Internet und Facebook haben zur Folge, dass in der ganzen arabischen Welt jeder auf christliche Inhalte stossen kann. Die jungen Leute suchen den Glauben aktiv im Netz. Es gibt Chat-Räume auch auf Arabisch, in denen sie alle Fragen über Jesus Christus stellen können. Man kann die Bibel downloaden. In den sozialen Medien sind Fragen über den Glauben in den Top 10 vertreten.

Dazu kommt ein Phänomen. Viele Muslime haben nämlich Jesus-Visionen. Ich habe mit mehr als zehn Menschen geredet, die nie mit Christen zu tun hatten, aber plötzlich eine Jesus-Vision hatten. Sie sahen einen Mann in einem weissen oder hellen Gewand; sie wussten einfach, dass es Jesus war.

 

Viele Muslime kommen zu uns. Was können wir tun?

Ich glaube, wir haben ein Zeitfenster von ungefähr einem halben bis dreiviertel Jahr, bis bei ihnen der Kulturschock voll durchschlägt. Die jungen Männer brauchen Männer, die ihnen Begleitung und Freundschaft anbieten – Sport, Vorbild, sinnvolles Engagement. Frauen brauchen Frauen und Familien, Kaffeetrinken: einfache menschliche Zuwendung und Anteilnahme. Wir müssen freundlich bleiben und Zuneigung zeigen, auch wenn vielleicht Ablehnung, Kritik und harte Fragen kommen.

Viele wurden in Abwehrhaltung gegen Christen geschult – wir müssen dahinterschauen. Mut, Offenheit, keine Angst – gepaart mit beständiger Freundlichkeit und Liebe. So können wir verhindern, dass hier bei uns im Westen Muslime zu Fundamentalisten werden, weil sie den Kulturschock nicht überwinden konnten.

 

Interview: Reinhold Scharnowski, livenet

 

Quelle: ideaSpektrum 01/02.2016