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Albanien: Die Fesseln der Blutrache

Elona ist albanische Projektpartnerin der HMK und kümmert sich in ihrer Heimat um Familien, die von Blutrache betroffen sind. Die HMK war mit ihr in Albanien unterwegs.


hmk./ Mai 2017 - Die Blutrache stürzt auch in diesem Jahrhundert Familien in Albanien ins Elend. Betroffene Männer und Söhne verlassen ihre Häuser nicht, weil sie Angst haben, umgebracht zu werden. Sie gehen nicht mehr arbeiten, nicht mehr in die Schule und fristen ihr Dasein eingesperrt in ihren vier Wänden. Das bringt betroffene Familien an den Rand der Verzweiflung. Wir besuchten mit Elona Familien in Albanien, die unter Blutrache stehen.


Vergeltung um jeden Preis
Die erste Familie, die wir an diesem Tag besuchen, lebt seit 17 Jahren in Blutrache. Im Haus ist es kalt und es regnet durchs Dach ins Wohnzimmer. Das Ehepaar war verlobt, als der Mann in Blutrache geriet. Seine Frau konnte damals nicht mehr zu ihrer Familie zurück, da die Verlobung bereits verbindlich war und da sonst auch die Familie der Frau unter die Blutrache geraten wäre. Es ist bedrückend, wie tief verankert die Blutrache in dieser Familie ist, selbst bei den Kindern, die in unserer Gegenwart sagen: „Sie haben UNS getötet.  WIR müssen IHNEN dies vergelten.“ Elona begleitet diese Familie, steht ihnen bei und versucht, ihnen den Weg der Versöhnung aufzuzeigen.


Unerwartete Bekanntschaft

Beim nächsten Besuch treffen wir auf eine Familie, deren Haus mit Unterstützung der HMK kürzlich renoviert werden konnte. Die Frau bewirtet uns, ihr Mann Besnik* lässt sich nicht blicken. Er ist Alkoholiker und gewalttätig. Die Renovation gab ihm etwas Hoffnung. Während wir im Wohnzimmer sitzen, gesellt sich ein weiteres Familienmitglied zu uns. Es ist der Bruder der Frau, der eben aus dem Gefängnis entlassen wurde. Vier Jahre sass er ein. Während wir miteinander sprechen, stellt sich heraus, dass er den Mörder von Elonas Mann im Gefängnis kennenlernte. „Hätte ich gewusst, wer dieser Mann ist, hätte ich ihm Schlimmes angetan“, meint er. Mit viel Energie erklärt ihm Elona, dass sie dem Mörder ihres Mannes vergeben hat und dass sie keine Rache will.


*Name aus Sicherheitsgründen geändert.

Keine Blutrache. Ja zum Leben

Elonas Mann Tani war Pastor und wurde vor sechs Jahren wegen der Blutrache erschossen. Ein ferner Verwandter von Tani hatte zuvor ein Verbrechen verübt und der Mord an Tani war die Rache. Elona hat die Leitung der Gemeinde von ihrem Mann übernommen. Sie gründete zudem die Stiftung Keine Blutrache. Ja zum Leben und setzt sich für Familien ein, die unter Blutrache stehen. Weiter führt sie einen Kindergarten für ausgegrenzte und von Blutrache betroffene Kinder. Die Nachfrage ist gross und die Warteliste lang. In absehbarer Zeit möchte sie den Kindergarten von 30 auf 50 Kinder erweitern und auch eine zweite Gemeinde gründen.

Haben Sie es auf dem Herzen, die Arbeit von Elona zu unterstützen? Bereits mit 100 Franken (90 Euro) können Sie einem von Blutrache betroffenen Kind den Kindergartenbesuch während drei Monaten ermöglichen.

Elona (rechts) mit einer Mitarbeiterin ihrer Gemeinde.