Startseite > Projekte > Projektländer > Zentralasien: Kirchen ohne Lizenz

Zentralasien: Kirchen "ohne Lizenz"

Juli 2017 - Der Zentralasien-Projektleiter der HMK besuchte die Untergrundkirchen in Zentralasien. Er berichtet von deren Situation und seinen Begegnungen mit den einheimischen Christen.

Weshalb sind Christen auf dem Radar der Behörden?
In Teilen Zentralasiens sind den Behörden religiöse Gruppen suspekt, deshalb werden sie bespitzelt. Offiziell registrierte Kirchen werden zwar toleriert, aber sie müssen über sämtliche Aktivitäten im Voraus eine Genehmigung einholen, ansonsten befinden sie sich in der Illegalität. Die Christen nicht registrierter Gemeinden erzählten mir, dass es für die offiziellen Kirchen oft ein Balanceakt sei, „Gruppen ohne Lizenz“ Gastrecht zu gewähren. Denn ohne Registrierung ist alles Religiöse illegal.

Was haben Christen in Zentralasien zu befürchten?

Wenn sie in Gruppen von mehr als drei Personen zusammenkommen, kann dies einen Polizeieinsatz mit empfindlichen Bussen zur Folge haben – umgerechnet bis zu 2‘500 Franken (2‘270 Euro) bei durchschnittlichen Monatslöhnen von 50 bis 150 Franken (45 bis 135 Euro). Wer in der Öffentlichkeit mit mehr als einer Bibel ertappt wird, erhält ebenfalls eine Busse wegen „illegalen Evangelisierens“. Drei Mal werden Vergehen mit Geldstrafen geahndet, beim vierten Mal setzt es eine Gefängnisstrafe ab. Besonders gefürchtet sind die zehntägigen Untersuchungsverfahren. Die Christen berichteten mir, dass sie jederzeit und überall verhaftet werden könnten, ohne jede Möglichkeit, einen Rechtsanwalt beizuziehen oder die Verwandten zu benachrichtigen. Betroffene berichten von schmerzhaften Schlägen, um alle möglichen „kriminellen Tätigkeiten“ zuzugeben und ihre Glaubensgeschwister zu verraten. Angehörige haben oft keine Ahnung, wo ihr plötzlich verschwundenes Familienmitglied ist und ob es überhaupt noch lebt. Und bei der Polizei weiss offiziell niemand etwas von einer Verhaftung.

Wie sieht es aus, wenn Muslime zum Glauben an Jesus Christus finden?

Sie werden entweder aus ihrer muslimischen Familie ausgestossen oder die Familie versucht, die Entscheidung mit der Hilfe von Mullahs rückgängig zu machen; teils auch mit Gewalt. Hilft dies nicht, sorgen Verwandte dafür, dass niemand mehr mit einem spricht, dass man Wohnung oder Arbeitsstelle verliert. Stirbt ein Christ, kann es sein, dass man auf den Friedhöfen tagelang keine Erlaubnis bekommt, seine Verstorbenen zu begraben - eine letzte Demütigung.

Aus welchen Gründen warst du vor Ort?

Ziel der Reise war einerseits, die einheimischen Christen zu ermutigen und sie wissen zu lassen, dass der weltweite Leib Christi hinter ihnen steht und auch für sie betet. Andererseits ist es wichtig, die Bedürfnisse der Gemeinden aus erster Hand einschätzen zu können und Projektfortschritte zu verifizieren.

Strassenverkäufer preisen ihre Ware an.


Wie haben die Christen auf deine Anwesenheit reagiert? Wie war die Stimmung?

Sie waren sehr erfreut. Dass ich die lange Anreise auf mich nahm, war für sie ein Zeichen der Wertschätzung und dass sie nicht vergessen sind. Natürlich wollten sie auch einiges über das kirchliche Leben bei uns in der Schweiz und in Europa wissen. Die Stimmung ist verhalten positiv. Sie haben in der Vergangenheit schon schlimmere Zeiten der Repression durchgemacht.


An welche Regeln haben sich ausländische Gäste zu halten?

Ohne offizielle Bewilligung ist es untersagt, irgendwelche geistlichen Dienste zu leisten oder gar zu predigen. Sensible Grenzregionen können ohne Spezialbewilligungen nicht bereist werden.

Hast du persönlich Vorsichtsmassnahmen getroffen?
Da wir die einheimischen Christen nicht in Schwierigkeiten bringen wollen, war es für mich wichtig, die Treffen und Gespräche mit ihnen sorgfältig zu planen. Wir konnten jeweils nicht lange beisammen sein, weil mit einer längeren Verweildauer das Risiko eines möglichen Polizeieinsatzes grösser wird. Bei Privatpersonen zu übernachten ist für westliche Besucher untersagt und der Verlauf der Reise wurde bei jeder Hotelübernachtung kontrolliert.

Welcher Moment wird dir in besonderer Erinnerung bleiben?

Das Treffen mit dem christlichen Leiter Sumor* ging mir nahe. Als Kind lebte er auf der Strasse, erhielt dann als Teenager eine Stelle in einer Bäckerei. Dort lernte er seine Frau kennen. Als er sich der zukünftigen Schwiegermutter vorstellte, meinte diese zur Tochter: „Komme mir nicht eines Tages mit Tränen vorbei, wenn du merkst, dass so ein rauer Strassentyp die falsche Wahl war!“ Inzwischen sind Sumor und seine Frau über 15 Jahre verheiratet und Eltern zweier Teenager.
Eines Tages brachte Sumor seine Tochter zur Schule und lauschte dort dem Gespräch eines Ehepaars. Der respektvolle Umgangston war für ihn ein Schlüsselerlebnis und führte dazu, dass er in eine Hauskirche eintrat. Seit bereits elf Jahren ist er leidenschaftlicher Pastor. Vor drei Jahren stellte sich heraus, dass er an Hepatitis B+D erkrankt ist. Zuvor war er beim Zahnarzt; die Geräte waren wohl nicht sauber sterilisiert. Je nach Krankheitsverlauf wird er für den Rest seines Lebens Leberprobleme haben und frühzeitig sterben. Zum Zeitpunkt meines Besuchs war er stark abgemagert und hatte eine geschwollene Leber. Sumor ist so ein engagierter Pastor und lebensfroher Mensch. Seine Familie bangt um sein Leben. Wir beteten mit ihm und gaben ihm Finanzhilfe.

*Name aus Sicherheitsgründen geändert.

An der Seite der Untergrundkirchen in Zentralasien

Als HMK unterstützen wir in Zentralasien 70 Pastoren mit monatlich je 150 Franken (135 Euro), damit sie sich auf ihren Dienst konzentrieren können. Teilweise übernehmen wir die Bussen wegen „illegalem Predigen“, die die betroffenen Christen kaum selber aufbringen können. Für abgelegene Gegenden stellen wir Transportmittel zur Verfügung, damit Hauskirchen einfacher und regelmässiger besucht werden können. Tragen Sie unser Engagement in Zentralasien im Gebet und auch finanziell mit?

Dass Christen in Zentralasien bespitzelt und unterdrückt werden, ist kein neues Phänomen.