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Syrien/Irak: „Fürchte dich nicht”

Die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder. Beim Spielen geniessen sie unbeschwerte Momente und sind dankbar. Foto: © HMK

hmk./ April 2016 - Kathrin Anliker engagiert sich in der Schweiz für Flüchtlinge und koordiniert die Beratungsstelle für Integrations- und Religionsfragen (BIR) der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA). Mit der HMK reiste sie in den Irak und erhielt vor Ort einen Einblick in das Leben einheimischer Christen.

 

Frau Anliker, Sie waren im Irak. Warum?

Ich hätte nie gedacht, dass ich in den Irak reisen werde. Dieses Land war nicht auf meiner Wunschliste. Doch als ich die Anfrage erhielt, mit einem erfahrenen Team der HMK mitzureisen, um mir ein Bild von der Situation vor Ort zu machen, erachtete ich diese Reise als wertvoll für meine Arbeit unter Flüchtlingen hier in der Schweiz. Klar, hatte ich im Vorfeld auch ein mulmiges Gefühl, aber jedes Mal, wenn mich die Angst überkam, legte ich die Reise vor Gott hin. Ich verspürte jedes Mal einen tiefen, aussergewöhnlichen Frieden und somit entschied ich mich für die Reise.

 

Was waren Ihre Eindrücke vor Ort, was haben Sie angetroffen?

Wir kamen mitten in der Nacht in Erbil an, fuhren anschliessend mit dem Auto über holprige Strassen und an Checkpoints (Kontrollposten) vorbei in eine belebte kurdische Stadt. Wir kamen zu unserer Unterkunft, eine Kirche. Sogar ein Kreuz präsentiert sich stolz auf dem Kirchendach. 

Sehr herzlich wurden wir von einer Pastorenfamilie empfangen. Fast täglich treffen sich die Christen abends in der Kirche zum Gebet, Bibelstudium und Lobpreis. Überraschend viele Gemeindeglieder stammen aus Mossul. Sie flüchteten im Sommer 2014 wegen des IS-Terrors Hals über Kopf aus ihrer Heimatstadt. Damals verliessen auch mehrere Gemeindeleiter dieser Kirche ihre Heimat, in Richtung Westen. So fanden wir eine müde Pastorenfamilie an, die Unterstützung in der Gemeinde- und Flüchtlingsarbeit benötigte.

 

Haben Sie sich vor Ort sicher gefühlt? Haben Sie etwas vom Krieg miterlebt? 

Obschon der IS nur wenige Kilometer von uns entfernt war, merkten wir nichts von ihm. Die Stadt ist in den Bergen und wird vom kurdischen Militär, den Peschmerga, beschützt. Man nimmt an, dass sich dennoch IS-Leute in der Stadt aufhalten. Einige Mädchen haben mir erzählt, dass sie sich jeweils vor den Taxifahrern fürchten, da man nie weiss, wer hinter dem Steuer sitzt. Doch sie haben keine andere Möglichkeit, sich fortzubewegen, da sie als Frauen nicht alleine draussen sein können. Gerade für Frauen ist die Bewegungsfreiheit besonders eingeschränkt. 

Über einheimische Partner leistet die HMK in Syrien und im Irak Nothilfe. Regelmässig erhalten in Syrien 21'000 und im Irak 22'000 Inlandflüchtlinge Essenspakete, medizinische Betreuung, Kleidung und Zuflucht. Foto: © HMK

Welche Begegnung ist Ihnen besonders in Erinnerung?

Der zehnjährige Karam kam täglich zu mir in die Keyboardstunden. Seine Augen leuchteten jeweils, wenn er an der Reihe war, um sein Lied vorzuspielen. Er ist ein ausserordentlich fleissiger, intelligenter und anständiger Junge. Nach einer Keyboardstunde begann er ganz plötzlich zu erzählen: „Daesh (arabische Bezeichnung für IS, Anm. HMK) kam einfach in unsere Stadt Mossul. Die Männer hatten lange Bärte. Sie nahmen uns unsere Wohnung und unser Auto weg. Wir konnten nur noch mit dem Auto meines Onkels davon fahren, sonst hätten sie uns getötet. Einige Verwandte sind immer noch dort, dürfen sich aber nicht als Christen zu erkennen geben. Sie erzählen uns, dass die Kirchen nun als Ställe für Tiere benutzt werden.“ Ich bin bestürzt ob Karams Geschichte. Ein Viertklässler, der schon viel Leid erleben musste. Seit seiner Flucht konnte er nicht mehr zur Schule gehen. Er betet dafür, dass er wieder lernen darf. 

 

Hat sich Ihre Sicht, was die Flüchtlinge und die Konflikte angeht, durch Ihren Aufenthalt verändert?

Zum einen wurde mir klar, dass Irak nicht gleich Irak ist. Es gibt viele Kriegsgebiete, aber auch Orte relativer Sicherheit, in denen die Leute ihren alltäglichen Verpflichtungen nachgehen, arbeiten, studieren. Klar, die ständige Unsicherheit ist eine grosse Belastung. Doch ich habe viele Leute getroffen, die gelernt haben, mit der Gefahr zu leben. Viele Frauen sind modebewusst angezogen, Männer fahren mit neuen Autos durch die Strassen, viele Gebäude sind teuer und modern gebaut. Viele Flüchtlinge müssen in ihrer Heimat ein gutes Leben zurückgelassen haben…

 

Sie haben einen persönlichen Einblick in das Leben der Pastorenfamilien erhalten. Ihre Gedanken?

 

Der Pastor sagte in meiner Gegenwart: „Fürchte dich nicht, auch wenn Tausende von Feinden dich umzingeln. Diese Worte habe ich doch Jahr für Jahr gepredigt. Sollen wir nun an diesen Worten zweifeln, nur weil Daesh näher kommt? Wo bleibt denn unser Glaube? Wir wissen, dass Gott gut ist und uns beschützt. Alles dient zum Besten, denen die Ihn lieben. Wir wissen aus dem Wort, dass Seine Nachfolge nicht einfach ist und unser Glaube geprüft wird.“ Dieser Glaube des Pastors beeindruckt mich. Als Pastorenfamilie sind sie Ziel der Extremisten. Sie sind sich der Gefahr bewusst, täglich hören sie von den Qualen ihrer Glaubensgeschwister in Mossul. Dennoch bleiben sie mit ihren vier bildhübschen Töchtern vor Ort und leiten weiterhin die Gemeinde. Und sie besuchen mehrmals wöchentlich zahlreiche Flüchtlinge, verteilen Hilfsgüter, dienen den Notleidenden in ihrer Heimat. Sie verdienen meinen tiefsten Respekt.

Flüchtlingshilfe Syrien/Irak

Die HMK ist innerhalb des Hilfswerkeverbands „Hoffnungsnetz“ verantwortlich für die

Flüchtlingsarbeit in Syrien und im Irak. Dank langjähriger Kontakte zu einheimischen Projektpartnern ist eine rasche und wirkungsvolle Unterstützung vor Ort möglich. Können die Flüchtlinge mit Ihrer Hilfe rechnen?

 

Mit CHF 90.– ( 82.–)

unterstützen Sie eine Flüchtlingsfamilie einen Monat lang mit Nahrungsmitteln.

 

Mit CHF 150.– (136.–)

finanzieren Sie einer Flüchtlingsfamilie ein Hilfspaket (warme Kleidung, Decken,

Heizmaterial).

 

 

Mehr Informationen

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