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Syrien/Irak: Die Hoffnung vor Ort darf nicht sterben

November 2016 - Der Nahost-Projektleiter der HMK gibt einen Einblick in die Lage im Nahen Osten und erklärt, warum die Kriegsgeplagten Hilfe in ihrer Heimat benötigen.


Herr Schwab, Sie sind eben aus Syrien und Irak zurückgekehrt. Wie ist die Situation vor Ort?
Die meisten Flüchtlinge haben in den kurdischen Provinzen in Syrien und der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak Unterschlupf gefunden. Sie leben dort seit drei Jahren in riesigen Lagern der UNO. Neben Kurdendörfern mit vielleicht je rund 500 Bewohnern entstanden im Irak Zeltstädte mit 25‘000 bis 40‘000 Einwanderern. Die Wasserversorgung in diesen Gebieten war aber nie ausgelegt für so viele Menschen. 90 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben nicht in den offiziellen Lagern. Sie fristen ihr Dasein in Baracken, Rohbauten, Garagen und illegalen Camps. Oft schicken sie ihre Kinder zum Betteln in die Städte.

Welches ist jetzt – nach fünf Jahren Krieg – das Hauptproblem?
Die wirtschaftliche Not. Das syrische Pfund hat mehr als 13fach an Wert verloren. Selbst finanziell besser Gestellte können sich kaum ausreichend Nahrungsmittel leisten. Ein Gymnasiallehrer verdiente vor dem Krieg monatlich rund 500 US-Dollar. Damit gehörte er zur gehobenen Mittelschicht. Jetzt erhält er umgerechnet nur noch 40 US-Dollar. Gleichzeitig stiegen die Preise der Güter um das 13-Fache. Die Felder für den Anbau liegen brach. Die meisten Waren werden vom Ausland importiert. Dadurch sind sie an den Dollar gekoppelt. Kosteten 12 Fladenbrote vor dem Krieg 15 Lira, müssen die Einheimischen nun 600 Lira aus der fast leeren Tasche holen.

Was unternehmen Sie, um das Leid zu lindern?
Jeden Monat verteilen wir Essensrationen an mehr als 21‘000 geflohene Menschen in Syrien und an 22‘000 im Irak. Wir besuchen sie, prüfen ihre Bedürftigkeit und versorgen sie mit dem Nötigsten. Arbeitsbeschaffung zur Einkommensgenerierung wäre wünschenswert, doch in Syrien wie im Irak waren die Regierungen Hauptarbeitgeber. Niemand stellt mehr Personal ein, weil kein Geld vorhanden ist. Wo Landwirtschaft noch gelingt, geben wir den Bauern das für sie unerschwinglich gewordene Saatgut. Wir wollen bei Kindern und Familien die Zukunftshoffnung aufrechterhalten. Deshalb ermöglichen wir Schulbildung, zum Beispiel in Flüchtlingscamps oder in Containersiedlungen.

Über einheimische Partnernetzwerke leistet die HMK in Syrien und im Irak Nothilfe. Regelmässig erhalten in Syrien mehr als 21‘000 und im Irak 22‘000 Inlandflüchtlinge Essenspakete, medizinische Betreuung, Kleidung und Zuflucht.


Wie können Sie inmitten des Bürgerkriegs diese Einsätze vornehmen?
Unsere lokalen Partner pflegen in allen Regionen Beziehungen mit den Behörden und haben die Zugangsberechtigungen. Sie können die Lage sehr gut einschätzen. Garantie in einem Kriegsland gibt es jedoch keine. Weil wir mit örtlichen Kirchen zusammenarbeiten, werden wir an den Checkpoints als neutral betrachtet. Christen geniessen im gegenwärtigen Konflikt den Ruf der Vermittler. Mit unseren einheimischen Partnern im kurdischen Gebiet, in Aleppo, der Küste und in Bagdad bespreche ich die Situation und Bedürfnisse der Bewohner. Ich treffe mich zudem mit nicht-kirchlichen Verantwortungsträgern, um sicherzustellen, dass wir alle – unabhängig ihrer Religion und Herkunft – fair unterstützen. Wir helfen ausschliesslich direkt vor Ort, selbst wenn dies schwieriger ist. Die Hoffnung in ihren Heimatländern darf auf keinen Fall sterben. Sonst suchen noch viel mehr Kriegsgeplagte ihr Heil im Westen. Gerade die lokalen Intellektuellen würden dringend für den Wiederaufbau benötigt.

Wie beurteilen Sie denn die Lage der In- und Auslandsflüchtlinge?
Zahlreiche Geschäftsleute, Akademiker oder Lehrer verlassen Syrien, weil sie unter den religiösen „Bildungsverächtern“ nicht leben wollen. Doch unzählige Menschen haben nicht die Möglichkeit, in den Westen zu emigrieren. Sie hoffen auf einen Waffenstillstand und Eindämmung der Extremisten. Unter den Flüchtlingen finden sich leider auch Kollaborateure, die sich in ihrer Heimat durch die Extremisten Vorteile verschafften, indem sie sich am Besitz der Vertriebenen bereichert haben. In Europa bedrohen einige von ihnen in Flüchtlingsheimen andere Minderheiten. Die Integrationsaufgaben sind immens. Wir dürfen nicht dulden, dass sie mit ihrer Auffassung von Intoleranz unsere Werte und rechtsstaatliche Freiheit ausser Kraft setzen.

Sehen Sie einen Ausweg?
Um die Hoffnung vor Ort zu bewahren, muss viel mehr in Lebensmittel- und Bildungshilfe investiert werden. Der Hauptteil der Gelder internationaler Organisationen geht an diejenigen, die Syrien verlassen haben. Doch 17 Millionen Menschen befinden sich immer noch in Syrien! Der Krieg muss stoppen, damit Stabilität für den Wiederaufbau einkehrt. Ich bin überzeugt, dass mit internationalen Sanktionen gegen staatliche Terror-Unterstützer die Extremisten besiegt werden könnten.

 

 

Interview (gekürzte Fassung):
Yvonne Baldinini, Berner Landbote, 29. Juni 2016

Flüchtlingshilfe Syrien/Irak

Die HMK ist innerhalb vom „Hoffnungsnetz“ – einer Kooperation christlicher Hilfswerke – verantwortlich für die Nothilfe in Syrien und im Irak. Dank langjährigen Kontakten zu einheimischen Projektpartnern ist eine rasche und wirkungsvolle Unterstützung vor Ort möglich. Die Hilfe kommt Notleidenden unabhängig ihrer Religion, Herkunft oder Ethnie zugute. Können die Flüchtlinge mit Ihrer Hilfe rechnen?

Mit CHF 90.– (€ 82.–)

unterstützen Sie eine Flüchtlingsfamilie einen Monat lang mit Nahrungsmitteln.

Mit CHF 150.– (€ 136.–)
finanzieren Sie einer Flüchtlingsfamilie ein Winterhilfspaket (warme Kleidung, Decken, Heizmaterial).

Mehr Informationen: www.hoffnungsnetz.ch

Von den lokalen Projektpartnern organisierte Hilfsgüterverteilung im Irak.

Grusswort aus dem Nordirak

Hallo! Liebe Grüsse aus Erbil, Nordirak

Wir danken für alle Hilfe und Unterstützung von den Kirchen weltweit und in Europa. Wir danken Ihnen für alle Gebete für unser Land. Die Situation ist nicht gut für die Christen. Wenn Sie helfen wollen: Die Familien überlegen sich, das Land zu verlassen. Das kann verhindert werden...

Ausharren trotz Krieg

Der Bürgerkrieg tobt. Das Elend wächst. Über vier Millionen Menschen sind bisher aus Syrien geflohen, die Hälfte sind Kinder. Neun Millionen sind in Syrien selbst auf der Flucht – die Hälfte der Bevölkerung. Drei Millionen sind es im Irak.