Startseite > Projekte > Projektländer > Syrien/Irak: „Das gibt uns Mut, hier zu bleiben”

Syrien/Irak: „Das gibt uns Mut, hier zu bleiben”

Eine Flüchtlingsfamilie in einem abgelegenen Bergdorf im Irak, die Hilfsgüter erhalten hat. Foto: © HMK

November 2015 - Der Nahost-Projektleiter der HMK koordiniert die Nothilfe für 40‘000 Flüchtlinge in Syrien und Irak. Er berichtet von Elend, Christenverfolgung und von geistlichem Hunger.

factum: Sie sind gerade in den Irak und nach Syrien gereist. Was haben Sie dort gesehen?
M. Schwab: Ich habe alle grossen Flüchtlingslager im Irak und im Nordosten Syriens besucht und mich dort mit den verantwortlichen Verteilungsleitern getroffen. Die Lage ist sehr bedrückend, einige der Zeltlager sind riesig.Doch die Kapazitäten der Zeltstädte reichen nicht aus, sodass viele Flüchtlinge in abgelegenen Bergdörfern landeten. Darunter sind auch solche, die ohne unsere Hilfe von jeglicher Versorgung abgeschnitten wären.

Wie gelingen Ihnen solche Hilfeleistungen?
Wir stützen uns auf ein sehr breites Netzwerk von Einheimischen. Dadurch gelangen wir an Informationen, die wir nicht hätten, wenn wir nur die offiziellen Kanäle verfolgen würden. Die Versorgung der Bergdörfer ist vor allem ein logistisches Problem, zumal viele in 800 oder 1‘000 Metern Höhe liegen. Als es im Winter Schnee und Eisregen gab, waren sie komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Wir mussten zusätzliche Transportmöglichkeiten schaffen, um diese Dörfer alle zwei Wochen zu versorgen. Ohne diese Hilfe hätten viele Menschen nicht überlebt.

Auf wie viele Helfer stützt sich die Arbeit?
Im Irak sind es zehn Teams. Manche bestehen aus drei bis vier freiwilligen Helfern, andere aus zehn bis fünfzehn, je nach Bedarf. In Syrien haben wir sechs regionale Teams im ganzen Norden des Landes, manche von ihnen mit bis zu 25 Helfern. Zu dem Netzwerk gehören alle von Flucht und Vertreibung betroffenen Volksgruppen. Dadurch, dass sie oft die Einzigen sind, die helfen, geniessen sie bei ihren Leuten enormes Vertrauen. Sie sind Insider mit besten kulturellen und sprachlichen Zugängen zu ihren jeweiligen Volksgruppen und kennen die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen sehr gut. 40‘000 Flüchtlinge erhalten durch sie regelmässig dringend benötigte Hilfsgüter.

Wo kommen die Hilfsgüter her, und mit welchen Verwaltungen haben Sie es zu tun?
Wir arbeiten bei jeder Verteilaktion mit den kommunalen Behörden zusammen, das hat sich bewährt. In den Zeltlagern ist die UNO unser Ansprechpartner. Wir verteilen nichts, ohne das mit den Verantwortlichen abzusprechen und zu koordinieren. Dabei konzentrieren wir uns auch auf die Gebiete, wo sonst kaum oder keine Leistungen ankommen, wie etwa die kurdischen Regionen im Norden Syriens, die von der UNO als schwer zugänglich deklariert wurden, weil die Türkei die Grenze zu den kurdischen Gebieten abgeriegelt hat – während die zu den vom IS kontrollierten Gebieten offen sind. Wir haben uns daher gar nicht darauf eingelassen, Güter von aussen einzuführen, sondern beschaffen alles lokal.

Das ist möglich?
Ja, sowohl in Syrien als auch im Irak. Anderenfalls müssten wir sehr schwierige und teure Zollverhandlungen führen und viele Kriegsgewinnler bestechen. Darum unterlassen wir das und versuchen, stattdessen die lokale Wirtschaft zu stärken. Es gibt dort fast alles, aber die Leute können es sich nicht leisten.

Fürchten Sie nicht, dass Sie durch Ihre Aufkäufe die Preise in die Höhe treiben?
Wir erleben, dass uns und unseren Hilfsaktionen auch vonseiten der Geschäftsleute eine grosse Sympathie entgegenschlägt und sie uns Güter oft unter Preis verkaufen, sie uns manchmal sogar schenken.

Wie hilft Ihnen der christliche Glaube?
Die grösste Gefahr ist, dass der Nahe Osten christenfrei wird, wie dies die frühere christliche Hochburg Mossul derzeit bereits ist. Viele Christen haben keine Hoffnung, im Land bleiben zu können – in unseren Teams sieht das anders aus. Ich habe mit allen unseren Projektleitern gesprochen und sie gefragt: „Was hält euch in eurem Land, trotz all dieser Schwierigkeiten?“ Sie alle haben gesagt: „Unser Glaube hält uns, er gibt uns Hoffnung – aber auch die Möglichkeit, dass wir anderen helfen können, dass wir selbst aktiv an diesen Hilfsleistungen mitmachen. Das gibt uns Mut, eine Aufgabe und einen Sinn, hier zu bleiben.“

Sonst wären sie gegangen?
Ja. Unter ihnen sind Absolventen westlicher Universitäten wie Oxford, die eine Aufenthaltserlaubnis für europäische Länder oder die USA haben. Sie könnten, wenn sie wollten, gutbezahlte Jobs im Ausland annehmen. Aber sie alle haben das abgelehnt, weil sie sagen: „Es ist wichtig, dass wir Christen auch Licht in der Dunkelheit sind, dass wir Hoffnung geben in einer hoffnungslosen Welt.”

Gibt es ein Gemeindeleben? Finden Gottesdienste statt?
Ein Gemeindeleiter hat mir berichtet: „Obwohl rund 90 Prozent der Gemeindemitglieder das Land verlassen haben, wird die Kirche immer voller. Jeden Sonntag kommen neue Leute.“ Ich habe selbst gesehen, wie voll viele Kirchen sind. Dazu gibt es christliche Gruppen, die sich in den Dörfern und Zeltlagern versammeln. Sie haben eine grosse Sehnsucht nach Hoffnung und Glaube. Alle Pastoren in Syrien und dem Irak sagen, dass es einen riesigen  geistlichen Hunger gibt, weit offene Türen für Gemeindearbeit. Die Menschen kommen in die Kirchen, ohne dass es einer Einladung bedürfte. Darunter sind auch viele Muslime. Die Brutalität und Barbarei der sogenannten reinen, puritanischen Muslime des IS hat bei ihnen Zweifel geweckt oder sie desillusioniert. Sie kommen ins Nachdenken und sagen: Das kann nicht die Wahrheit sein.

Interview (gekürzte Fassung)
Stefan Frank, factum-magazin 4-2015

Flüchtlingshilfe Syrien/Irak

Die HMK ist innerhalb des Hilfswerkeverbands „Hoffnungsnetz“ verantwortlich für die Flüchtlingsarbeit in Syrien und im Irak. Dank langjähriger Kontakte zu einheimischen Projektpartnern ist eine rasche und wirkungsvolle Unterstützung vor Ort möglich. Können die Flüchtlinge mit Ihrer Hilfe rechnen?

Mit CHF 90.– (€ 85.–)
Unterstützen Sie eine Flüchtlingsfamilie einen Monat lang mit Nahrungsmitteln.

Mit CHF 150.– (€ 143.–)
finanzieren Sie einer Flüchtlingsfamilie ein Hilfspaket (warme Kleidung, Decken, Heizmaterial).

 

 

Über einheimische Partner leistet die HMK in Syrien und im Irak Nothilfe (markierte Gebiete). Regelmässig erhalten in Syrien 20‘000, im Nordirak 16‘000 und im Grossraum Bagdad 4‘000 Inlandflüchtlinge Essenspakete, medizinische Betreuung, Kleidung und Zuflucht.

Mehr Informationen

Projekte Syrien/Irak

Grusswort aus dem Nordirak

Hallo! Liebe Grüsse aus Erbil, Nordirak

Wir danken für alle Hilfe und Unterstützung von den Kirchen weltweit und in Europa. Wir danken Ihnen für alle Gebete für unser Land. Die Situation ist nicht gut für die Christen. Wenn Sie helfen wollen: Die Familien überlegen sich, das Land zu verlassen. Das kann verhindert werden...

Ausharren trotz Krieg

Der Bürgerkrieg tobt. Das Elend wächst. Über vier Millionen Menschen sind bisher aus Syrien geflohen, die Hälfte sind Kinder. Neun Millionen sind in Syrien selbst auf der Flucht – die Hälfte der Bevölkerung. Drei Millionen sind es im Irak.