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Syrien: Hoffnungsschimmer im kriegsgeplagten Land

Über einheimische Partner leistet die HMK in Syrien und im Irak Nothilfe (markierte Gebiete). Regelmässig erhalten in Syrien 20‘000, im Nordirak 16‘000 und im Grossraum Bagdad 4‘000 Inlandflüchtlinge Essenspakete, medizinische Betreuung, Kleidung und Zuflucht.

hmk/März 2015 – Schweizerische Hilfswerke versuchen, die Not in Syrien zu lindern. Der Frutigländer hat mit dem zuständigen Projektleiter der Hilfsorganisation „HMK Hilfe für Mensch und Kirche“ über Chancen und Risiken der Einsätze im Bürgerkrieg gesprochen.

 

Der Nahost-Projektleiter der HMK koordiniert die Syrien-Hilfe, die im Rahmen des Hilfswerkeverbands „Hoffnungsnetz“ durchgeführt wird. Inmitten des Bürgerkriegs leistet er mit einheimischen Partnern vor Ort Katastrophenhilfe. Die Unterstützung erreicht Menschen in Aleppo und Umgebung sowie abgelegene kurdische Dörfer und Städte im Norden Syriens. Yvonne Baldinini vom Frutigländer hat den Nahost-Projektleiter am Hauptsitz der HMK in Thun getroffen.

Frutigländer: Herr Schwab, Sie sind vor Kurzem aus Syrien zurückgekehrt. Wie können Sie in einem Land, wo Bürgerkrieg herrscht, Einsätze vornehmen?
Schon sieben Jahre vor Ausbruch der Revolution pflegten wir in Aleppo und den nördlich und östlich von Aleppo liegenden Regionen Hasaka, Qamischli und Afrin Beziehungen zu einheimischen Bevölkerungsteilen, die von der Regierung unterdrückt wurden. Darunter waren auch ausgegrenzte kurdische Syrer. Den Bewohnern des Nordens, der eigentlichen Kornkammer Syriens, widerfuhr kurz vor dem Krieg eine grosse Dürre. Schon damals waren wir in landwirtschaftlichen Projekten tätig. Aufbauend auf diesen langjährigen Verbindungen haben wir unser Nothilfeprogramm entwickelt. Es ist äusserst wichtig, mit lokalen Partnern in einem Vertrauensverhältnis zu stehen, um zu wissen, auf wen Verlass ist. Denn die Korruptionsanfälligkeit ist extrem hoch. Internationale Hilfslieferanten, die keine langjährigen Beziehungen und Ortskenntnis haben, müssen an den Checkpoints oft ihre Ware abgeben und Schmiergelder bezahlen. Vieles landet auf dem Schwarzmarkt. Der Krieg verändert die Situation täglich. Darum sind wir angewiesen auf Einheimische, die sich auskennen. So erhalten wir Einblick in die konkreten Nöte der Bevölkerung und erfahren, in welcher Gegend beispielsweise keine Versorgung gewährleistet ist. Die kurdischen Gebiete im Norden Syriens bieten teils noch einigermassen Sicherheit und sind zu Haupt-Zufluchtsstätten für viele Kriegsvertriebene geworden. Über eine Million neue Flüchtlinge sind alleine hier angekommen. Es herrscht Mangel an Lebensmitteln, Wasser und Strom.

Was unternehmen Sie konkret, um die Not zu lindern?
Wir haben mit einheimischen Christen, Kurden und arabischen Muslimen eine Nothilfeallianz gegründet. Arme Leute ohne Einkommen, Nahrungsmittel oder ohne Dach über dem Kopf können sich bei uns melden. Mit einheimischen Teams besuchen wir diese Menschen und überprüfen ihre Bedürftigkeit. Daraufhin bringen wir ihnen monatliche Essensrationen, welche wir im örtlichen Markt einkaufen. Wir versorgen zur Zeit 20‘000 Menschen pro Monat im Land. Zudem helfen wir im Irak seit der Vertreibung von Christen und Jesiden durch die IS-Rebellen ebenfalls rund 16‘000 irakischen Flüchtlingen im Nordirak (sowie 4'000 in Bagdad). Nicht wenige von ihnen sind auch in den Nordosten Syriens geflohen und werden nun auch von unseren Projektpartnern dort versorgt. Da der Weg oftmals ein hohes Risiko ist, lassen wir die Leute zur Abholung nicht in unser Vorratslager kommen, sondern bringen ihnen die Hilfsgüter. Würden sie unterwegs mit Nahrungsmittelpaketen erwischt, müssten sie alles abgeben. Lokal beschaffen wir auch Generatoren an den Orten, wo Strom fehlt. Obdachlose versuchen wir, in Schulen oder leerstehenden Baracken unterzubringen. Dabei arbeiten wir eng mit den Kommunalbehörden zusammen. Im Winter bringen wir warme Decken, Kleidung und Heizmaterial. Eines unserer Hauptprojekte läuft in Aleppo, wo wir auf verschiedene ehrenamtliche Teams zählen können. Es hat kurdische, christliche und von den islamistischen Rebellenorganisationen besetzte Stadtteile sowie von den Regierungstruppen Assads kontrollierte Gegenden. In Aleppo findet einer der erbittertsten Kämpfe statt. Bewohner berichten von Kugeln, die durch ihre Häuser fliegen. Wegen der Knappheit an Essen geht es hier um das pure Überleben.

Was sind die grössten Probleme bei Ihrer Tätigkeit?
Die umliegenden Grenzen sollten sich öffnen, damit wir besser helfen können. Und wir brauchen dringend mehr finanzielle Ressourcen. Unser Einsatz ist mit persönlichem Risiko verbunden. Auf Anraten der örtlichen Behörde fahren wir jeweils mit Einheimischen los. Ich habe erlebt, dass bei der Rückreise plötzlich die Strasse durch Kampfeinsätze blockiert war. Die grösste Gefahr liegt darin, von radikalen Gruppen wie dem IS gekidnappt zu werden. Die Einheimischen selber verspüren grosse Angst.

Flüchtlingsfamilie in Syrien mit einem Nahrungsmittelpaket.


Woher nehmen Sie die Kraft und Energie, allen Widerständen zum Trotz Ihre Hilfeleistungen zu erbringen?
Während meiner vielen Jahre im Nahen Osten habe ich diese Menschen als sehr liebenswert und gastfreundlich empfunden. In dieser Region lebten immer viele Völker und Religionen zusammen. Leider zerstören nun Extremisten systematisch diese gewachsenen Strukturen. Uralte Völker und religiöse Minderheiten werden brutal vertrieben oder gar umgebracht. Mein christlicher Glaube sagt mir, jedem Notleidenden zu helfen, und er dient mir, um in Gefahren ruhig zu bleiben. Jesus will Frieden, nicht Krieg, das ist meine Motivation, und das wünsche ich den Menschen im Nahen Osten.

Interview: Yvonne Baldinini, Zeitung
Frutigländer, erschienen am 18. Juli 2014

 

 

Syrienhilfe

Die HMK ist innerhalb des Hilfswerkeverbands „Hoffnungsnetz“ verantwortlich für die Flüchtlingsarbeit in Syrien. Dank langjähriger Syrienkontakte ist eine rasche und wirkungsvolle Unterstützung möglich.

Mit 90 Franken (85 Euro)
Unterstützen Sie eine Flüchtlingsfamilie einen Monat lang mit Nahrungsmitteln.

Mit 150 Franken (143 Euro)
finanzieren Sie einer Flüchtlingsfamilie ein Winterhilfspaket (warme Kleidung, Decken, Heizöl).

 

 

Ausharren trotz Krieg

Der Bürgerkrieg tobt. Das Elend wächst. Über vier Millionen Menschen sind bisher aus Syrien geflohen, die Hälfte sind Kinder. Neun Millionen sind in Syrien selbst auf der Flucht – die Hälfte der Bevölkerung. Drei Millionen sind es im Irak.