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Syrien: Hoffnungsfunke im Land des Schreckens

Syrische Flüchtlingskinder freuen sich über die Hilfsgüter.

hmk/August 2014 – Syrienhilfe – Der Bürgerkrieg tobt. Das Elend wächst. ideaSpektrum traf den Nahost-Projektleiter der HMK. Er berichtet von tiefster Not, aber hoffnungsvollen Aufbrüchen unter Christen.

 

Herr Schwab, was spielt sich in Syrien ab? Wer bildet die Opposition?

In Syrien leben 70 Prozent Sunniten, rund 20 Prozent Alawiten und schiitische Gruppierungen und etwas mehr als 10 Prozent Christen. Die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) sind meist desertierte, sunnitische Angehörige der Regierungsarmee Assads und kaum religiös. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre geriet die FSA jedoch ins Hintertreffen und starke sunnitisch-islamistische Gruppen wie die Nusra-Front und die ISIS (Terrortruppe „Islamischer Staat in Irak und in Syrien“) haben das Ruder innerhalb der Opposition übernommen. Sie schrecken vor nichts zurück, sind gut bewaffnet und erhalten finanzielle Unterstützung von aussen – und von inzwischen mehr als 11‘000 Dschihadisten (Gotteskrieger), die aus der halben Welt nach Syrien einreisen.

Was ist das Ziel der Islamisten?

Sie wollen ein Kalifat zwischen Irak und Syrien errichten, einen Scharia-Staat. Der syrische Bürgerkrieg gilt als Teil eines globalen Glaubenskampfes. Für die Islamisten gibt es nichts zu verhandeln; sie wittern ihre Chance, jetzt ihr Ziel zu erreichen. An den ISIS-Checkpoints kommt kaum einer lebend durch, der nicht nachweislich sunnitischer Muslim ist.

Das heisst, er wird an Ort und Stelle umgebracht?

Ja, sofort – oder eingesperrt und als Geisel für ein lukratives Lösegeld gehalten.

Woher wissen Sie das?

Ich habe Augenzeugenberichte. Während andere Islamisten die Möglichkeit der Konversion zum Islam bieten – was sich mit wenigen Sätzen und dem zum Himmel gestreckten Zeigefinger tun lässt – geht die ISIS  so vor, dass sie Andersgläubigen den Zeigefinger abschneidet. Nach der Scharia können sie sich so nicht mehr zu Allah und dem Islam bekennen.

Lässt sich solches Verhalten mit dem Koran belegen?
Mit dem in Europa verbreiteten Euro-Islam nicht. Doch die Belege dafür lassen sich im Koran, in den späteren Medina-Suren, finden. Und nach islamischer Lehre heben die späteren Suren die früheren, in Mekka entstandenen Suren auf. Die ISIS- und Nusra-Rebellen reden offen von der Errichtung eines Kalifats und sie greifen dafür zur Waffe.


Mir liegt eine Fatwa vom 16. August 2013 aus einem von Islamisten besetzten Stadtteil von Aleppo vor. Darin steht, wenn an einem Kontrollposten ein Mann ohne Bart erwischt wird, bekommt er 50 Hiebe Strafe. Wird er ein zweites Mal ohne Bart erwischt, ist das sein Tod, weil im Islam der Bart für einen Mann vorgeschrieben ist.

Es gibt Meldungen, die reden von Menschen, die verhungern.

Millionen von Menschen haben zu wenig zu essen. Schätzungen kommen auf zehn Millionen, die auf Hilfe von aussen angewiesen sind – das ist die Hälfte der Bevölkerung. Wenn man sich das überlegt, erkennt man das Ausmass dieser humanitären Katastrophe. Der Hunger treibt Frauen in die Prostitution und Kinder in den Krieg. Die Uno gibt zu, dass sie nicht in der Lage ist, allen zu helfen. Die  meiste Syrienhilfe geht hauptsächlich in die Flüchtlingslager im Ausland. Die HMK gehört zu den ganz wenigen Organisationen, die in Syrien selbst im Rahmen des Hoffnungsnetz-Projekts Hilfe bringt.

Flüchtlingsfamilie in Syrien mit einem Nahrungsmittelpaket.


Wie ist das möglich, wenn nicht einmal die Uno Zugang zu allen Regionen hat?
Die Uno spricht in Syrien von vielen „nicht erreichbaren Gebieten“. Und genau dort sind wir tätig, in den Gebieten der Opposition. Wir arbeiten mit Menschen vor Ort zusammen, welche die lokale Situation genau kennen – Gemeinden und Kirchen. Es sind Christen, die unsere Hilfsgüter verteilen, und zwar an alle Notleidenden, ungeachtet ihrer Religion und Ethnie. Unsere Partner verteilen monatlich Hilfspakete für rund 20‘000 Bedürftige.

Wie steht es um die syrischen Christen?
Die Kirchen in Syrien sind voll wie noch nie. Früher lebten die Menschen unter einem Deckel der Angst; der Geheimdienst kontrollierte alles. Christen waren zwar nicht direkt verfolgt, aber wie gelähmt. Die Angst ist zwar immer noch gross, aber die geistliche Lähmung ist wie weggeblasen. Das geht so weit, dass orthodoxe Kirchenleiter zu den freien Gemeinden gehen und sie um Hilfe für die Jugendarbeit bitten. Dasselbe erleben wir unter Kurden.

Wie gefährlich ist das Verteilen der Hilfsgüter?
Grosse Organisationen füllen Lager mit Gütern. Dort müssen sie abgeholt werden. Wir bringen die Güter direkt zu den einzelnen Bedürftigen hin, das heisst wir tragen das Risiko des Transportwegs. Das geht nur, weil unsere Partner vor Ort diesen Dienst von Herzen tun. Sie haben mir schon oft gesagt, dass ihnen die Hilfe aus der Schweiz den Sinn erschliesst, im Land zu bleiben. Sie leben einen Auftrag und zeugen von der Liebe Gottes. Sie sind Licht in der Finsternis. Ich habe Kontakt zu einem jungen Mann, der ein US-Stipendium mit den Worten abgelehnt hat: „Ich erlebe hier Gott wie noch nie zuvor. Wieso soll ich jetzt das Land verlassen?”


Wir ermutigen durch unsere Projekte die Christen vor Ort, einen aktiven Beitrag zur positiven Entwicklung und Zukunft ihres Landes zu leisten, denn nur so werden sie im Nahen Osten überleben können. Die Christen in Europa sollten für unsere syrischen Glaubensgeschwister in dieser schwierigen Zeit einstehen.

Interview: Rolf Höneisen,
Chefredaktor ideaSpektrum

 

 

Syrienhilfe unterstützen

Die HMK ist innerhalb des Hilfswerkeverbands „Hoffnungsnetz” verantwortlich für die Flüchtlingshilfe in Syrien. Dank langjähriger Syrienkontakte ist eine rasche und wirkungsvolle Hilfe möglich. Damit wir die Nothilfe aufrechterhalten können, sind wir auf Ihre Spende angewiesen. Mit 90 Franken (72 Euro) ermöglichen Sie einer Flüchtlingsfamilie einen Monat lang die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Danke.

 

 

Ausharren trotz Krieg

Der Bürgerkrieg tobt. Das Elend wächst. Über vier Millionen Menschen sind bisher aus Syrien geflohen, die Hälfte sind Kinder. Neun Millionen sind in Syrien selbst auf der Flucht – die Hälfte der Bevölkerung. Drei Millionen sind es im Irak.