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Der Flüchtlingsstrom im Niemandsland

Dezember 2019 - Der Norden Syriens droht durch die türkische Militärintervention im Chaos zu versinken. Dabei war die Region bisher der „sichere Hafen“ für die vielen Inlandflüchtlinge. Der Flüchtlingsstrom zwischen Afrin und Aleppo wächst täglich an. Eine Einschätzung zur Lage vom Nahost-Projektleiter der HMK.

Ein Kind, das in den Kriegswirren seine Mutter verloren hat. Foto: © HMK

HMK: Bereits Anfang 2018 marschierte die Türkei in Afrin im Nordwesten Syriens ein. Die aktuelle militärische Intervention scheint die Fortsetzung zu sein. Wie ordnest du die aktuellen Geschehnisse ein?

Matthias Schwab: Die türkische Invasion vor eineinhalb Jahren brachte leider eine neue Herrschaft von Chaos und Zerstörung durch arabische, islamische Radikale nach Nordsyrien. Erdogan liess erklären, dass die islamisch-arabische Bevölkerung – viele von ihnen befinden sich in der Türkei als Flüchtlinge – die ursprüngliche Bevölkerung Syriens sei. Alle anderen hätten zu verschwinden. Kirchen wurden vermint, Häuser von Christen wurden verwüstet und beschlagnahmt, niemand konnte mehr in dieses Gebiet zurückkehren. Nun setzt die Türkei ihren Feldzug in Nordsyrien fort. Gemeinsam mit Islamisten wollen sie die kurdischen Gebiete im Norden Syriens erobern und bombardieren die bisher „sicheren Häfen“ der vielen Inlandflüchtlinge. Es sind Gebiete, wo unsere Projektpartner in den vergangenen Jahren Notleidende mit Nahrung, Obdach und medizinischer Hilfe versorgten. Es ist davon auszugehen, dass sich mit der Schwächung der kurdischen Streitkräfte die IS-Kämpfer wieder aus ihren Schläferzellen erheben werden.

 

Was spielt sich vor Ort ab?

Erneut sind über 200'000 Menschen auf der Flucht, davon 70'000 Kinder. Die islamistischen Milizen an der Seite der Türkei plündern und morden. Die von uns betreuten Flüchtlinge in Grenznähe wie der Stadt Qamischli flohen teilweise in Richtung Landesinnere wie Homs und Aleppo. In etlichen Grenzstädten, auch in Malikiya ganz im Nordosten von Syrien, wurden Häuser und Viehställe von Christen beschossen. Diese bitten um Hilfe, weil dadurch ihre ganze Existenzgrundlage und Selbstversorgung genommen wurde. Die türkische Luftwaffe bombardierte auch die Wasserversorgung von Hasaka, das mit 80 Kilometern zur türkischen Grenze weit weg von der beanspruchten so genannten „Sicherheitspufferzone“ von 32 Kilometern entlang der türkisch-syrischen Grenze entfernt liegt. Nun sind 280’000 Menschen ohne sauberes Trink- und Leitungswasser.

Die jüngsten Kriegshandlungen in Nordsyrien verursachen grosses menschliches Leid. Foto: © HMK

Wie erleben unsere lokalen Projektpartner die Geschehnisse?

Ein Pastor aus Afrin sagte mir: „Wir packen unsere Sachen erneut und fliehen. Nur wissen wir nicht wohin, weil wir nicht wissen, wo die türkische Armee noch überall vorrückt. Alle entwurzelten Inlandflüchtlinge müssen nun erneut um ihr Leben bangen. Unter ihnen sind viele Christen. Bitte beten Sie für uns. Welchen Weg wir auch immer nehmen, er ist gefährlich.“ Ein anderer Pastor aus Qamischli erzählte: „Bomben schlagen in unserer Stadt ein. Wir fürchten uns, wollten eigentlich fliehen, aber harren in unseren Häusern aus. Der Herr ist mit uns und die Menschen hier brauchen uns Christen.“ Und der Pastor in Malikiya sagte: „Betet für uns. Auch wir werden bombardiert, aber wir wollen bleiben.“

 

Wie reagiert man als Hilfswerk bei solch chaotischen Zuständen?

Ich bin ständig mit unseren Partnern in Kontakt. Wir reagieren laufend auf die sich ändernde Lage. Im Fokus bleibt die Hilfe vor Ort. Die Flüchtlinge sind ausserordentlich dankbar für Nahrung, Obdach und medizinische Hilfe. Wir versorgen also die Notleidenden in den betroffenen Regionen Nordsyriens und im Flüchtlingsstrom aus Afrin, der aus rund 200’000 Angehörigen gefährdeter Minderheiten besteht und der von Tag zu Tag anwächst. Als ich zum Beispiel die drei erwähnten Pastoren der verschiedenen Nordregionen fragte, was sie brauchen und wie wir ihnen helfen können, sagten sie, dass die Menschen Zuflucht und grundlegende humanitäre Versorgung brauchen. Hier setzt unsere Hilfe an, und sie ist dringender denn je. Denn die Menschen fürchten sich vor dem kommenden Winter nun noch mehr als schon zuvor.

Seit Anfang 2018 helfen wir so vielen syrischen Flüchtlingen in Nordsyrien wie möglich, die im Niemandsland zwischen Afrin (von der Türkei besetzt) und Aleppo feststecken. Wegen den kriegerischen Ereignissen haben sich viele Hilfsorganisationen zurückgezogen. Nun werden unsere Ausgabestellen vor allem von verzweifelten Müttern mit Kleinkindern überrannt. Unsere Partner vor Ort bitten dringend um die Aufstockung der Hilfe mit Milchpulver und Babynahrung. Darüber hinaus brauchen die Geflohenen Lebensmittel, Wasser, Wolldecken und medizinische Versorgung.

Mit 90 Franken (75 Euro) finanzieren Sie einer fünfköpfigen Flüchtlingsfamilie, die ihr Daheim verloren hat, ein Familienzelt und Decken.

Mit 60 Franken (50 Euro) ermöglichen Sie einen Monat lang die Grundversorgung einer Familie mit dem Nötigsten (Essen, Kleidung, ärztliche Versorgung).

Die HMK ist innerhalb der gemeinnützigen Stiftung Hoffnungsnetz – eine Kooperation christlicher Werke – verantwortlich für die Flüchtlingshilfe in Syrien.