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Pakistan und die radikalen Kräfte

Umar* lebt in Lahore, einer zwölf-Millionen Stadt im Nordosten Pakistans. Aufgewachsen in einer traditionell christlichen Familie, entschied er sich mit 16 Jahren, Jesus Christus nachzufolgen. Er unterrichtet an einer Bibelschule und ist Pastor einer christlichen Gemeinde. *Name aus Sicherheitsgründen geändert (Symbolbild)

 

Die HMK Im Gespräch mit dem pakistanischen Christen Umar


Umar, Sie sind pakistanischer Christ. Was bedeutet das in Pakistan?
Wir sind im islamisch geprägten Pakistan mit offiziell 2,5 Prozent Bevölkerungsanteil eine kleine Minderheit. Christen und Muslime leben voneinander getrennt, das heisst die Christen leben in separaten Stadtteilen, Dörfern oder Quartieren, auch „Kolonien” genannt. Für uns Christen liegen die Herausforderungen insbesondere dort, wo wir in Kontakt mit Muslimen sind, also im Alltag. Zum Beispiel am Arbeitsplatz. Wenn ein Christ befördert wird und dies dem muslimischen Arbeitskollegen nicht gefällt, sind Probleme und Diskriminierung oft vorprogrammiert.

Und wenn Christen ihren Glauben mit Muslimen teilen?
Das ist sehr herausfordernd, schwierig und gefährlich. Da schafft man sich Probleme. Da der religiöse Fanatismus und die radikalen Kräfte in der pakistanischen Gesellschaft auf dem Vormarsch sind, gestaltet sich das Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen zunehmend schwierig. Nun gibt es da aber verzwickte Situationen, da nämlich viele Muslime interessiert sind, wer Jesus Christus ist, und uns Christen Fragen stellen. Auf der einen Seite wollen sie also mehr über den christlichen Glauben wissen und auf der anderen Seite müssen wir aufpassen, was wir ihnen sagen, da sie sonst in ihren religiösen Gefühlen verletzt sein könnten. Dies kann dann schnell zu unangenehmen Situationen oder sogar Wutausbrüchen führen.

Wie war denn die Situation früher?
Früher lebten wir, so könnte man rückblickend sagen, in religiöser Harmonie. Menschen unterschiedlicher Religionen lebten in Frieden miteinander. Das änderte sich, als in den frühen 80er Jahren des letzten Jahrhunderts General Zia ul-Haq an die Macht kam und den demokratisch gewählten Premierminister stürzte. Der neue Machthaber begann, die religiösen politischen Parteien zu stärken. Sein Ziel war es, die gesamte pakistanische Gesellschaft zu islamisieren, was dann auch der Fall war. So mussten etwa Restaurants und Hotels während dem Ramadan geschlossen werden oder die pakistanische Verfassung wurde 1986 mit dem Blasphemie-Artikel (Strafe bei Gotteslästerung) versehen.

Können Sie etwas zu dem erwähnten Blasphemie-Gesetz sagen?
Wenn jemand den Propheten des Islam verunglimpft, sei es in Wort oder Tat, oder wenn jemand Seiten des Korans entweiht, erhält er die dafür vorgesehene Strafe: Er wird hingerichtet. Sie fragen sich jetzt wohl, was dieses Gesetz für uns pakistanische Christen bedeutet. Nun, es ist extrem gefährlich, sich kritisch gegenüber dem Islam zu äussern. Zudem wird das Gesetz missbraucht, indem Christen fälschlicherweise beschuldigt werden. Vielleicht haben Sie in den Medien von dem Fall des elf-jährigen Mädchens Rimsha gelesen, der letztes Jahr weltweit für Empörung sorgte. Rimsha stammt aus einer christlichen, pakistanischen Familie und wurde von einem Imam beschuldigt, Koranseiten verbrannt und damit Gotteslästerung begangen zu haben. Ihr angebliches Verschulden löste Unruhen in breiten Bevölkerungsteilen Pakistans aus. Rimsha wurde verhaftet. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Imam selbst die Koranseiten verbrannt hatte. Der Imam wurde verhaftet und Rimsha ist heute frei. Gott sei Dank gibt es doch noch Verantwortungsträger in meinem Land, die sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen.

Wegen dem zunehmend radikalisierten Umfeld geraten pakistanische Christen immer wieder in heikle Situationen und sind in Bedrängnis.


Was bedeutet diese Entwicklung für die religiösen Minderheiten in Pakistan?
Sie leben in Angst. Wegen der religiös aufgeheizten Stimmung werden sie zunehmend diskriminiert. Sogar liberale Muslime, die andere Vorstellungen haben als die radikal islamischen Kräfte, geraten unter Druck. Ich bin besorgt über diese Entwicklung, denn sie ist nicht gut für mein Land. Es ist ein Weg der Konfrontation. Als Pakistani sollten wir wieder lernen, andere Überzeugungen zu tolerieren, damit Frieden einkehren kann.

Wissen Sie von Muslimen, die zum Glauben an Jesus gefunden haben?
Ja, es gibt sie in allen Gebieten Pakistans. Als ehemalige Muslime Jesus Christus nachzufolgen, hat aber für ihr Leben schwerwiegende Konsequenzen. Sie werden als Apostaten (Abgefallene des Islam) gebrandmarkt. Auf Apostasie steht gemäss islamischem Verständnis die Todesstrafe, deshalb müssen sie sich im Untergrund bewegen. Sie sind also Christen, deren Stimme praktisch nicht gehört wird.

Was wünschen Sie sich für Ihr Land?
Ich wünsche mir und bete dafür, dass wir aus diesem religiösen Fanatismus herauskommen und unabhängig von unserer Religion in Frieden und Freiheit leben können. Als pakistanischer Christ wünsche ich mir, dass in jeder Stadt Pakistans eine Kirche steht. Es erfüllt mich mit Demut und Dankbarkeit, wenn ich ehemalige Studenten besuche, die heute starke Leiter sind und viele Menschenleben in Pakistan positiv beeinflussen.

HMK stärkt pakistanische Christen

Misshandelte und verfolgte Christen erhalten durch uns medizinische und rechtliche Soforthilfe. Christen muslimischer Herkunft, die mit dem Tod bedroht werden, verhelfen wir zur Flucht und unterstützen sie beim Aufbau einer neuen Existenz. Junge Menschen in einer christlichen Kolonie erhalten eine Berufsausbildung, damit sie in Zukunft ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen können. Zudem unterstützen wir 24 Gemeindebauer und die Beschaffung und Verteilung von Bibeln. Wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen wollen, können Sie uns Ihre Spende zukommen lassen.