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Ukraine: Freude trotz Konflikt

Elisey mit seiner Frau Oksana und ihren beiden Kindern Viola und David. Er war Pastor in der Ostukraine (künftig im Westen der Ukraine) und ist lokaler Partner der HMK.

hmk./Januar 2016 – Pastor Elisey, Sie wurden von den Separatisten persönlich bedroht, Ihre Kirche wurde in Brand gesteckt. Warum?
Der Separatistenführer in unserer Stadt beschuldigte mich und meine Freunde, dass wir die Ukraine unterstützen. Er nannte mich einen „westlichen Spion” und forderte von mir, mich von meinem Heimatland Ukraine zu distanzieren. Ich sollte die Separatisten öffentlich unterstützen und ihre politischen Ansichten vertreten.

Warum wurden gerade Sie kontaktiert?
Wir Christen versuchten immer, uns aus Politik und Machtspielen rauszuhalten. Die Grundlage für unser Handeln war und ist stets die Bibel. Da wir die grösste und einflussreichste Gemeinde in der Region Luhansk waren, hatten die Separatisten ein grosses Interesse, dass wir sie unterstützen.

Wie gehen die Separatisten vor?
Sie erpressen Geld, beschlagnahmen Autos und weiteres Eigentum der Bevölkerung. Wenn sich die Menschen dagegen wehren, werden sie entführt, gefoltert oder gar getötet. Die Separatisten hassen uns Christen, weil sie von der Propaganda getrieben sind. Christen sollten nach der Bibel handeln und sich nicht von anderen Kräften einspannen und beeinflussen lassen. Dies hatte für uns zur Folge, dass wir zur Zielscheibe der herrschenden Kräfte wurden. Ich erhielt persönlich mehrmals Morddrohungen, da ich mich weigerte, meine Gemeinde auf den Kurs der Separatisten „einzuschwören”.

Als schon viele längst aus Ihrem Heimatort Perwomajsk geflohen waren, hielten Sie dort aus (Ihre Frau und die Kinder hatten Sie in Sicherheit gebracht). Weshalb?
Wir harrten aus, weil wir den notleidenden Menschen mit Nahrungsmitteln helfen und ihnen Zuflucht und Hoffnung geben wollten. Als überzeugte Christen sahen wir unseren Auftrag immer noch in unserer Stadt. Doch die Situation verschlimmerte sich zusehends und unsere Stadt wurde zum Kriegsschauplatz. Gemeinsam mit 30 Personen verschanzten wir uns in meinem Keller. Wir gaben Zeugnis, erzählten von Jesus und beteten mit ihnen. Gott war mit uns, Menschen fanden zum Glauben. Die Lage spitzte sich immer mehr zu, worauf wir viele Menschen aus der Stadt evakuierten und Flüchtlingsunterkünfte in der Nähe einrichteten.

Sie haben in der Ostukraine alles verloren und möchten sich nun in der Westukraine eine neue Existenz aufbauen. Welche Gefühle haben Sie dabei?
Es ist für uns eine grosse Herausforderung, in einem anderen Teil der Ukraine neu Fuss zu fassen und von vorne zu beginnen. Im vergangenen Jahr verbrachte ich mit meiner Familie einige Monate in den USA. Als Pastor wurde ich von verschiedenen Gemeinden eingeladen. Sie waren interessiert an der Situation in der Ostukraine und an meinen Erlebnissen. Ich durfte Zeugnis geben, wie wir inmitten der Kriegswirren Gott erlebten. Doch wir sehen unseren Auftrag in unserem Heimatland und seit Juli 2015 sind wir zurück in der Ukraine.

Die Ukraine geht durch eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise und der Neustart ist für uns nicht einfach. Einerseits erleben wir Angst und Sorge um unsere finanzielle Situation, aber auf der anderen Seite vertrauen wir Gott und wir wissen, dass Er sich um uns kümmert.

Zahlreiche Gebäude in Eliseys Heimatstadt Perwomajsk sind zerstört. Die meisten Menschen haben den Ort fluchtartig verlassen.



Ihre Kinder, Viola (15) und David (5), haben die Schrecken des Krieges miterlebt. Wie geht es ihnen heute? Wie haben sie Gottes Bewahrung erfahren?
Als meine Familie mit vielen anderen Menschen in Richtung Zentralukraine flüchtete, musste sie mehrere Strassensperren passieren. Sie hörten Explosionen und Schüsse. Doch Gott hat sie bewahrt und sie sind wohlbehalten in einem Flüchtlingslager angekommen. Ich harrte mit Freunden in der umkämpften Stadt aus. Es war für mich schwierig, von meiner Familie getrennt zu sein. Doch Gott hat uns durchgetragen und uns wieder wohlbehalten zusammengeführt. Vor allem für meinen 5-jährigen Sohn David war es eine harte Zeit. Er wollte zurück nach Hause und seine Spielsachen holen. Seit über einem Jahr haben wir kein richtiges Zuhause. Unsere Kinder denken, dass wir eine Familie von Reisenden sind. Das ist traurig und wir träumen davon, bald wieder einen Ort zu haben, den wir unser Zuhause nennen können.

Hat sich Ihr persönlicher Glaube durch das Erleben verändert? Wenn ja, wie?
Nein, doch nebst all den Erlebnissen inmitten der Kriegswirren machten und machen wir auch schmerzhafte zwischenmenschliche Situationen durch. Es gibt Missverständnisse und manche können sich nicht in uns hineinversetzen. Einige begegnen uns mit Gleichgültigkeit. Das stresste mich zu Beginn. Doch Gott lehrt mich in der Bibel, auch diesen Menschen in Liebe zu begegnen, ohne Frustration und Bitterkeit.

Gerade in Ländern, wo Menschen durch Unterdrückung unermessliches Leid erfahren, finden viele zu Jesus. In unserer Wohlstandsgesellschaft hingegen klagen viele Gott an, weshalb er all das Leid zulässt ... wie sehen Sie das?
Meine Antwort ist simpel: Gottes Liebe hängt nicht von den Umständen ab, in denen wir uns befinden. Er bewies Seine Liebe zu uns durch das Kreuz. Sein Sohn starb für uns. Das lässt uns erahnen, wie gross Seine Liebe für uns ist.

Was ist Ihr grösster Wunsch für die Zukunft?
In unserer Gemeinde sollen Flüchtlinge aus dem Osten eine neue geistliche Heimat finden. Wir wollen ihnen helfen, indem wir ihnen auf einem Areal Wohnungen zur Verfügung stellen. Mit diesen Menschen, die dasselbe Schicksal erlebt haben wie wir, wollen wir das Reich Gottes bauen. Wir wollen Business-Projekte starten wie zum Beispiel eine Bäckerei, eine Garage, Landwirtschaftsprojekte und Gewächshäuser für den Gemüseanbau. Menschen, die alles verloren haben und unsere Hilfe brauchen, wollen wir dadurch eine neue Zukunftsperspektive verschaffen. In all dem soll Gott verherrlicht werden. Vieles ist noch unsicher und es gibt viele Hürden. Doch unser Gott ist gross. Wir beten dafür. Beten Sie mit uns!

Wollen Sie ostukrainische Flüchtlinge beim Aufbau ihrer neuen Existenz in der Westukraine unterstützen? Bereits mit 200 Franken (180 Euro) können Sie einen substanziellen Beitrag dazu leisten.

Interview (gekürzte Fassung):
Daniela Wagner-Schwengeler, ethos 11/2015

Pastor aus Ostukraine erzählt…

Ich bin Elisey Pronin, Pastor aus der Ostukraine, Region Luhansk.
Letzten Frühling (2014) hat sich in meiner Stadt alles verändert. Die Separatisten haben die Kontrolle in unserer Stadt übernommen. Sie haben uns angedroht, unsere Kirche niederzubrennen und sie haben uns persönlich bedroht...