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Feindesliebe in der Ostukraine

Die Zerstörung in den umkämpften Gebieten der Ostukraine ist riesig. Zahlreiche Häuser, Dörfer und Stadtteile wurden vernichtet. Bild: Pastor Elisey

Februar 2015, Livenet/hmk - Ein Anführer der pro-russischen Separatisten bedrohte Pastor Elisey zweimal mit dem Tod. Dann starb er selbst. Jetzt kümmert sich die christliche Gemeinde des Pastors um die hinterlassene Frau und die beiden Kinder. Linus Pfister, Geschäftsführer der HMK, reist regelmässig in die Ukraine. Er hat mit Direktbetroffenen gesprochen und beobachtet neben dem enormen Leid auch eine grosse Solidarität.

Pastor Elisey – lokaler HMK-Partner in der Ostukraine – erhielt Morddrohungen von einem jungen pro-russischen Anführer der Separatisten. Wenn er nicht kooperiere, würde er sterben und pro-russische Kräfte würden sein Gemeindehaus zerstören. Elisey versuchte, ihm von Gott zu erzählen und zu erklären, dass die Interessen nicht mit Gewalt durchgesetzt werden sollen. Linus Pfister: „Kurz darauf ist der junge Anführer selbst umgekommen. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder. Auch wenn man von ihm bedroht wurde und er sich unmöglich benahm: Man kannte den Menschen. Er ging der russischen Propaganda auf den Leim und verwirkte sein Leben völlig sinnlos.“ Die christliche Gemeinde beschloss, die Witwe und ihre Kinder zu unterstützen, so dass sie über die Runden kommen. „Das ist gelebte Feindesliebe.“

Vermummte vor der Gemeinde
„Die Pastoren, die ich kenne, sind alle von den Aufständischen bedroht worden“, erinnert sich Linus Pfister. „Sie wurden angehalten, ihren Gemeinden einzuimpfen, dass sie sich auf die russische Seite schlagen sollen. Wer nicht 'Hurra' rief, wurde bedroht.“ Ihnen werde nahegelegt, das Gebiet zu verlassen. Vor Gemeindehäusern seien vermummte Gestalten herumgelaufen. Pfister: „Zahlreiche evangelische Kirchen wurden systematisch attackiert. Kirchen werden aus reiner Zerstörungswut niedergebrannt.“

In der Ostukraine werden Menschen vertrieben, die mit dem gewaltsamen Loslösungsprozess der pro-russischen Kräfte nicht einverstanden sind. Ihnen wird klar und deutlich gemacht, dass für sie, die sich als Ukrainer fühlen, kein Platz mehr im Osten des Landes ist.

Begegnung am Checkpoint
Ein christlicher Leiter ärgerte sich an einem Checkpoint, dass er angehalten wurde. Er war auf dem Weg zum Gottesdienst. Die Aufständischen sagten fast entschuldigend: „Wir wollen nur die unabhängige Republik Donbass verteidigen.“ Später dachte er, dass er den Kämpfern besser von Gott erzählt hätte, anstatt seinen Ärger kundzutun. Und dass er ihnen doch hätte sagen sollen, dass es gefährlich sei, sich für einen fiktiven Staat einzusetzen. Er wollte nochmals bei diesen Aufständischen vorbei, doch es sollte nicht mehr dazu kommen. Denn wenige Tage später fuhr eine Limousine beim Checkpoint vor und die Aufständischen wurden erschossen. Pfister: „Es sind Menschen. Und sie sind völlig sinnlos gestorben. Der Pastor hatte das Gefühl, als Christ und Mensch versagt zu haben. Auch wenn seine Worte vielleicht nichts bewirkt hätten.“

Bruder gegen Bruder
Es schmerze zu sehen, wie Menschen ideologisiert werden. Vor Ort gebe es keine Medienvielfalt zur freien Meinungsbildung. Linus Pfister erinnert sich an ein Kinderheim. „Ein 18-Jähriger musste in die ukrainische Armee einrücken. Sein Bruder und zwei Kollegen hingegen schlossen sich den Aufständischen an. Die vier jungen Männer, alle aus zerrütteten Familienverhältnissen, waren im gleichen Kinderheim gross geworden. Wenn es nun dumm läuft, schiessen die Brüder aufeinander. Oft sind Eltern dieser Heimkinder alkohol- und drogenabhängig. Die Nachkommen sind anfällig für ‚ehrenvolle Propaganda‘.“

Das Letzte geteilt
Linus Pfister berichtet aber auch von hoffnungsvollen Momenten. „Es besteht eine sehr grosse Solidarität der Menschen untereinander. Insbesondere bei vielen Christen sah ich das. Neben der Bewältigung ihrer eigenen Probleme helfen sie auch noch möglichst vielen anderen Leuten, deren Überleben zu sichern. Beispielsweise indem sie ihnen Lebensmittel bringen und ihnen ein Dach über dem Kopf organisieren.“ Für die Mitmenschen würden auch Kleider gespendet. Diese dürften sie in der kältesten Zeit des Jahres bitternötig haben. Es sei berührend, so Pfister, wie die Leute das Letzte, was sie noch haben, mit jenen teilen, die noch weniger haben.

Trotz Gefahr und prekären Bedingungen leisten einheimische Christen unermüdlich Flüchtlingshilfe.



Hoffnung bleibt
Um die Not zu lindern, setzt die HMK über ihre einheimischen Projektpartner (Pastoren, Gemeindeleiter, Sozialarbeiter) gerade auch im Osten des Landes sozial-karitative Hilfsprojekte um. Dazu gehören Drogenrehabilitations- und Alkoholentzugsstationen oder Hilfe bei Trauma- und Stressbewältigung. Pastoren können helfen, durch Gespräche dramatische Erlebnisse zu verarbeiten. „Ich erinnere mich, dass jemand nach dem Passieren eines Checkpoints nicht mehr Autofahren konnte, weil seine Hände zu stark zitterten.“ Kurzzeitig half die HMK auch beim Evakuieren von Pastoren, da diese teils massiv bedroht werden. Sie organisierte Transport, Unterkunft und Betreuung.

In anderen Gemeinden können Löhne nicht mehr bezahlt werden, weil die Hälfte der Mitglieder geflohen ist. „Bei mehreren haben wir nun den Lohn übernommen, bis sich die Lage normalisiert. Auch fahren wir in regelmässigen Abständen mit Hilfsgütertransporten so nahe wie möglich an das Gebiet heran. Mit der „Aktion Weihnachtspäckli“ erreichten auch Päckli aus der Schweiz zahlreiche Inlandflüchtlinge; vereinzelt in Dörfern, die unter der Herrschaft der Separatisten stehen. Im grossen Stil konnten wir die besetzten Gebiete aber nicht beliefern. Die Separatisten hätten eine unabhängige Verteilung kaum zugelassen.“

Autor: Daniel Gerber



Flüchtlingshilfe

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Pastor aus Ostukraine erzählt…

Ich bin Elisey Pronin, Pastor aus der Ostukraine, Region Luhansk.
Letzten Frühling (2014) hat sich in meiner Stadt alles verändert. Die Separatisten haben die Kontrolle in unserer Stadt übernommen. Sie haben uns angedroht, unsere Kirche niederzubrennen und sie haben uns persönlich bedroht...

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