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Marokko: Leben in einer islamisch-fundamentalistischen Familie

Lalla schaut auf eine glückliche Familienzeit zurück. Doch das war früher. Heute haben sich ihr Mann sowie zwei ihrer erwachsenen Kinder radikalisiert und gegen sie gewendet. Weil sie Christin ist.

 

November 2020 - hmk. Der marokkanische HMK-Projektpartner Hamdi (Name geändert) ist seit einigen Jahren mit einer älteren Frau in Kontakt. Wir nennen sie Lalla. In den 1960er Jah-ren kam sie über Handarbeits-kurse in Kontakt mit britischen Missionarinnen. „Ich war damals sehr berührt von den biblischen Geschichten, die mir diese Frauen erzählten“, so Lalla. Später, als sie heiratete, hatte sie sich bereits für ein Leben mit Jesus entschieden. „Mein Mann akzeptierte meinen Glauben an Christus und ich hoffte fest, dass er ebenfalls bald zum Glauben an Jesus findet.“

Lange eine Vorzeigefamilie
Das Familienglück liess nicht lange auf sich warten. Zwei Töchter und ein Sohn wurde ihnen geschenkt. Um die Familie ernähren zu können, arbeitete Lallas Mann u.a. in Libyen und in Saudi-Arabien. Den Töchtern war es möglich, eine Privatschule zu besuchen und Informatik zu studieren. Lalla: „Mit dieser Ausbildung bekamen sie gute Arbeitsverträge bei Banken in Dubai. Unsere Älteste heiratete später ihren Bankvorgesetzten, einen Muslim aus Ägypten. Wegen der hohen Lebenskosten in Dubai zogen sie dann nach Kairo. Unsere zweite Tochter heiratete einen Engländer. Sie lebt seither in London. Unser Sohn folgte seinen Schwestern damals ebenfalls nach Dubai und ist inzwischen mit einer Marokkanerin verheiratet. Erst kurz vor der Corona-Krise kehrte er nach Hause zurück.“

WhatsApp-Nachricht wird zum Verhängnis
Lalla nahm regelmässig an Hausgottesdiensten teil und pflegte den Kontakt zu Christen in ihrer Stadt. Doch langsam radikalisierte sich ihr Mann. „Er liess sich anstecken von den Familien meiner Kinder, die beide fundamentalistisch eingestellt sind.“ Ihr Mann schaute auf deren Empfehlung immer öfter Satelliten Sender aus Saudi-Arabien, welche die ultrakonservative Sicht der Wahhabiten verbreiten. Während der Ausgangssperre wegen Covid-19 las Lalla besonders viel in der Bibel und betete. Auf WhatsApp war sie Mitglied in einer Gebetsgruppe marokkanischer Christinnen, teilte Gedanken und leitete mit Freude Gebetszeiten. Dann passierte ihr ein Fehler: „Irrtümlich schickte ich eine Nachricht nicht an meine Frauengruppe, sondern an meine Familienangehörigen. Die Reaktionen fielen sehr negativ aus. Mein Mann zwang mich, die WhatsApp-Gruppe zu verlassen. Er nahm mir mein Handy weg und hat mir verboten, mich mit Christinnen zu treffen. Ich darf nun das Haus nicht mehr alleine verlassen und werde von meinem Mann und meinem Sohn geschlagen.“ Dank der Tochter in England wissen wir als HMK, wie es Lalla geht und erhalten aktuelle Informationen. Wir sind um ihre Situation besorgt und machen, was möglich ist, damit sich ihre Lebensumstände verbessern.

Menschen zählen auf uns

Lebensmittel in Krisenzeiten von Corona
Mitte März 2020 beginnt auch in Marokko die Corona-Pandemie. Die Menschen müssen zu Hause bleiben und die Armee ist mit der Durchsetzung der Massnahmen beauftragt. Während täglich einer Stunde darf eine Person pro Haushalt nach draussen, um Lebensmittel und Medikamente zu kaufen. Dies aber nur mit einer gültigen Bewilligung! Die vielen Tagelöhner haben augenblicklich kein Einkommen mehr, ihre Familien leiden. Der lokale HMK-Projektpartner Abdo (Name geändert) startet kurzfristig eine Hilfsaktion, indem er besonders hart betroffene Familien mit den nötigsten Lebensmitteln versorgt. Als HMK bauen wir die geplante Zusammenarbeit flexibel um, damit auf Covid-19 möglichst schnell und unkompliziert reagiert werden kann.

Bibeln auf Nachfrage
Von Langeweile geplagt, verbringen die Menschen mehr Zeit im Internet und in den sozialen Medien. Der HMK-Projektpartner Mohamed (Name geändert) intensiviert mit seinem Team die Produktion von christlichen Inhalten, welche übers Internet verbreitet werden. Auch die HMK-Partner sind zu Hause blockiert und können ihre geplanten Aktivitäten nicht durchführen. Im Juni 2020 kam eine kurzzeitige Lockerung. Mohammed und sein Team konnten sich freier im Land bewegen und besuchten die vielen Menschen, von denen sie während des Lockdowns kontaktiert wurden. Auf diese Weise brachten sie in zwei Wochen fast 3’000 Bibeln jenen Menschen, welche ausdrücklich darum gebeten haben. Seit Mitte Juli 2020 nimmt die Zahl der Neuinfizierten aber wieder zu, und so auch die Einschränkungen. Die Kosten von arabischen Bibeln belaufen sich auf durchschnittlich 20 Franken (17 Euro) pro Stück.