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Indonesien: Mitten im Bürgerkrieg Interview mit Nonny

Nonny erlebte den Bürgerkrieg hautnah mit. Heute unterstützt und ermutigt sie junge Menschen in Ambon.

Heute ist Nonny Professorin an einer staatlichen Universität in Ambon, Indonesien. Die HMK hat sie im Dezember 2011 besucht und mit ihr gesprochen. Sie blickt zurück und erzählt, wie sie vor zwölf Jahren die Ausschreitungen in Ambon erlebte und wie sie heute lebt.

 

hmk./März 2012

 

Nonny, wo waren Sie, als der Konflikt 1999 ausgebrochen ist?
Ich war kurz vor meiner Abreise nach Australien, um dort meinen Doktortitel zu machen. Da aber genau zu diesem Zeitpunkt der Konflikt ausbrach, konnte ich die Insel Ambon nicht mehr verlassen, denn der Flughafen war abgeriegelt. Ich erlebte die ersten sechs Monate des Konflikts hautnah mit, bevor ich anschliessend doch noch nach Australien ausreisen konnte – gerade noch rechtzeitig, bevor mein Visum abgelaufen wäre.

Was haben Sie in diesen sechs Monaten erlebt?
Diese Zeit war der reine Alptraum. Obwohl ich zusammen mit meiner Mutter in der Nähe eines Militärquartiers wohnte, war es äusserst gefährlich. Am Nachmittag versuchten wir zu schlafen, in der Nacht hielten wir Wache. Ich erinnere mich an einen grauenhaften Zwischenfall: Muslimische Extremisten umringten eine Bibelschule. Leider konnten nicht alle Kinder und Jugendliche rechtzeitig fliehen. Diejenigen, die noch im Haus waren, beteten inbrünstig, dass Gott sie beschützen möge. Plötzlich kam eine Wolke – wie eine Art Nebel – auf das Gebäude nieder. Als die Extremisten in die Zimmer schauten, sahen sie die Studenten nicht und dachten, es sei niemand mehr da. Sie zogen sich zurück. Gott sei Dank! Leider erwischten sie anschliessend ein Kind, das auf der Flucht war. Die anderen Jugendlichen konnten im Versteckten hören, was sie den elfjährigen Jungen fragten: „Wer bist du?” Er sagte: „Ich bin ein Jünger von Jesus Christus.” Sie fragten ihn noch einmal: „Wer bist du?” Er antwortete erneut: „Ich bin ein Jünger von Jesus Christus.” Sie fingen an, ihn auf brutalste Weise zu verstümmeln. Die Einzelheiten erspare ich Ihnen. Jedenfalls fragten sie ihn dann erneut dasselbe und er gab erneut dieselbe Antwort. Sie verstümmelten seinen Körper, bis er tot war. Wenig später traf ich in dieser Bibelschule ein und sah die Leiche oder was davon übrig war mit meinen eigenen Augen. Ich brachte den toten Körper zu seiner Familie. Das war für mich ein schrecklicher Moment. Es war einfach eine abscheuliche Tat. Viele andere schmerzliche Erlebnisse folgten in diesen sechs Monaten.


Wie ging Ihr Leben danach weiter? 
Ich konnte tatsächlich noch nach Australien ausreisen und dort studieren. Als ich dort war, informierte ich mich täglich über die aktuelle Situation in Ambon und telefonierte fast täglich mit meinen Verwandten. Fünf von ihnen starben während des Bürgerkrieges. An meiner Universitätsklasse waren auch Studenten aus Java – einer Region in Indonesien, wo es viele fanatische Muslime gibt. Diese Studenten wussten nicht, dass ich Christin bin. Sie fragten mich: „Wir unterstützen die Muslime in Ambon, in dem wir ihnen Waffen finanzieren, um damit die Christen umzubringen. Hilfst du uns dabei?” Ich war völlig sprachlos und anschliessend schrie ich sie an: „Geht sofort aus meinem Zimmer!” Es war für mich schlicht unbegreiflich, wie Menschen so brutal, fies und kaltblütig sein können. Ich weinte viel in dieser Zeit, sehr viel.

Wie war die Situation, als Sie nach Ambon zurückkehrten?
Als ich im Jahr 2005 nach Ambon zurückkam, verbrachte ich ein Jahr in einem Flüchtlingslager. So erging es Zehntausenden von Menschen in Ambon. Vom schönen und reichen Australien kehrte ich also zurück in ein kriegszerrüttetes und – so schien es mir – hoffnungsloses Ambon.


Warum sind Sie zurückgekehrt?
Ich hätte die Möglichkeit gehabt, in Australien zu bleiben. Erstens hatte ich eine Aufenthaltsbewilligung als Flüchtling erhalten und zweites wäre eine australische Familie bereit gewesen, mich zu adoptieren. Sie waren für mich wie Vater und Mutter. Ich fragte Gott, was sein Wille ist und was er mit meinem Leben vorhat. Ich hatte dann das Gefühl, dass ich zurück nach Ambon gehen sollte. So entschied ich mich, zurück in meine Heimat zu gehen. Das war nach vier Jahren im „puren Luxus” (aus der Sicht eines Entwicklungslandes) nicht einfach. Ich entschied mich für ein Leben voller Unsicherheiten.


In welcher Situation sind Sie heute?
Heute lebe ich zusammen mit Verwandten in Ambon. Ich bin Professorin für Meeresbiologie an einer staatlichen Universität und kann mein erworbenes Wissen anwenden und auch weitergeben. Zudem habe ich an der Universität die Möglichkeit, Bibel- und Gebetsgruppen zu leiten und mich mit Studierenden auszutauschen. Das ist für mich eine enorm wichtige, schöne und bereichernde Arbeit. Denn viele junge Menschen wissen nicht, was sie mit ihrer Zukunft anfangen sollen und sind ziellos und verwirrt. Die Situation hat sich zwar in den letzten Jahren verbessert, aber mangelnde Zukunftspläne sind wegen traumatischen Erlebnissen bei vielen Jugendlichen weit verbreitet. Armut ist allgegenwärtig und das Leben ist schwierig. Gott hat mich an einen Platz gestellt, wo ich mit seiner Kraft viel bewirken kann. Ich bin ihm von ganzem Herzen dankbar und bin heute froh, dass ich damals auf ihn gehört habe.

 

Praktische Hilfe

Die HMK unterstützte in den Jahren nach dem Bürgerkrieg die Bevölkerung in Ambon und Umgebung durch Wiederaufbau. Auch heute engagiert sich die HMK mit mehreren Hilfsprojekten in Indonesien.

Projektvideo