Startseite > Projekte > Projektländer > Indien: Christen leiden zunehmend unter Übergriffen

Indien: Christen leiden zunehmend unter Übergriffen

So friedlich wie bei dieser indischen Touristengruppe begegnen sich die verschiedenen Religionen nicht immer.

In den vergangenen zehn Jahren sahen sich die Christen in Indien einer Zunahme von Angriffen ausgesetzt. Seit 2001 gab es über 130 Übergriffe pro Jahr, und 2007 und 2008 wurde diese Zahl sogar weit überschritten.

hmk./Mai 2011 – 2010 litten Christen unter mindestens 149 gewalttätigen Übergriffen, wie Evangelical Fellowship of India (EFI) meldet. Die meisten Vorfälle ereigneten sich in vier der Bundesstaaten: in den zwei benachbarten Staaten im Süden Indiens, Karnataka und Andhra Pradesh, und in zwei ebenfalls benachbarten Staaten in Zentralindien, Madhya Pradesh und Chhattisgarh. Von Indiens 23 Millionen Christen leben 2,7 Millionen in diesen vier Staaten, die als Drehscheibe für die Christenverfolgung betrachtet werden. Während die Lage der Christen in den beiden nördlichen Staaten bereits seit einer Dekade gespannt ist, begann die Eskalation der Angriffe im Süden 2009. Aus Karnataka wurden 2010 mindestens 56 Angriffe gemeldet und aus Chhattisgarh 18. Andhra Pradesh und Madhya Pradesh folgen mit 15 bzw. 13 Angriffen.
Die Konzentration der Übergriffe in den vier Staaten „zeigt, dass Angriffe auf Christen keine isolierten Ereignisse sind, sondern Teil einer systematischen Kampagne von einflussreichen [nationalistischen Hindu-] Organisationen, die in der Lage sind, sich über das Gesetz hinwegzusetzen und Straflosigkeit zu geniessen“, besagt der EFI-Bericht.


Drei der vier Staaten - Karnataka, Chhattisgarh and Madhya Pradesh – werden von der nationalistischen Hindupartei Bharatiya Janata Party (BJP) regiert, und die EFI hielt fest, dass die grosse Zahl der Angriffe auf Christen in diesen Staaten kein Zufall ist.

 

Die geistigen Urheber

„Es kann zwar nicht gesagt werden, dass die regierende Partei direkt eine führende Rolle bei den Angriffen auf Christen spielt, man kann aber auf der anderen Seite ihre Komplizenschaft auch nicht ausschliessen“, stellt der Bericht fest. In Andhra Pradesh, das von der zentristischen Partei Indian National Congress (gewöhnlich Kongresspartei genannt) regiert wird, nimmt man an, dass die meisten Angriffe von nationalistischen Hindu-Gruppen durchgeführt werden. Die Ausschreitungen im Distrikt Kandhamal während der Weihnachtswoche 2007 kosteten mindestens vier Christen das Leben. 730 Häuser und 95 Kirchen wurden niedergebrannt, wie das All India Christian Council (AICC) meldete. Diesen Attacken waren etwa 200 Vorfälle von Angriffen auf Christen in anderen Teilen des Landes vorausgegangen.

 

Im August 2008 brach eine neue Welle der Gewalt im Distrikt Kandhamal aus. Dieses Mal kamen gemäss dem Bericht vom AICC über 100 Menschen ums Leben und wurden 4’640 Häuser, 252 Kirchen und 13 Bildungseinrichtungen eingeäschert. Wenig wurde seitens der indischen Behörden unternommen, um die Grundprobleme der Spannungen anzugehen, zum Beispiel die spalterische Propaganda und die Aktivitäten durch die mächtigen Hindugruppierungen auf dem rechten Flügel, welche aber nicht repräsentativ für die ansonsten tolerante Hindu-Gemeinschaft sind.

Der Familientransport funktioniert in Indien etwas anders als in unseren Breitengraden.

 

Bereits 1998 gerieten Christen ins Fadenkreuz der BJP und von Rashtriya Swayamsevak Sangh oder RSS (Indiens grösstem nationalistischen Hindu-Konglomerat und ideologischem Mentor der BJP), als die in Italien geborene und der Abstammung nach katholische Sonia Gandhi Präsidentin von Indiens Kongresspartei wurde. Sie war die Frau des früheren Premierministers Rajiv Gandhi gewesen und wurde von der BJP als riesige Bedrohung betrachtet. Die BJP war in jenem Jahr zum ersten Mal auf Bundesebene an die Macht gekommen. Was die Familie Gandhi betrifft, so war sie seit der Unabhängigkeit Indiens 1947 sehr populär im Land.


Eine eigentliche Christenverfolgung mit Mord, Misshandlungen, Vergewaltigungen, falschen Anklagen, Ausgrenzungen und Zerstörung von Eigentum setzte dann 2001 ein und breitete sich über das ganze Land aus. Anscheinend verfolgten diese Angriffe auf Christen ursprünglich den Zweck, Sonia Gandhi dazu zu bewegen, sich für die Christen einzusetzen, damit man sie dann als Führerin der christlichen Minderheit brandmarken könnte. Dadurch hätte sie sich der von der BJP beanspruchten Führung der Hindu-Mehrheit entgegengestellt. Beobachter erklären, dass aus diesem Grund Gandhi nie direkt gegen die Verfolgung von Christen gesprochen habe.

Wandel im politischen Klima
Nachdem nationalistische Hindugruppen Ende 2008 mit Bombenattentaten in Verbindung gebracht wurden, distanzierten sich die RSS und die BJP von den der Terrorgewalt angeklagten Tätern. Die BJP nahm dazu noch eine gemässigte ideologische Haltung in den Kampagnen zu den Staats- und Bundesstaatswahlen ein.
Die BJP, vor allem die nationale Leitung, ist auch deswegen moderater geworden, weil sie bei den letzten aufeinander folgenden allgemeinen Wahlen 2004 und 2009 empfindliche Niederlagen erlitten hat, bei denen sie für ein Gemisch aus Hindunationalismus und Entwicklung gesetzt hatte. Die Wähler bekundeten bei den beiden Wahlen ganz klar, dass sie mehr an Entwicklung interessiert waren als an spalterischen Identitätsthemen. Dies war dem Prozess der ökonomischen Liberalisierung zu verdanken, der in Indien 1991 eingesetzt hatte.


Die Häufigkeit der Verfolgung von Christen bleibt jedoch weiterhin hoch, weil nicht alle in der Leitung von BJP und RSS bereit zu sein scheinen, ihren Einsatz für den Hindunationalismus zu „verwässern”. Vor allem einige Vertreter in den niederen Rängen und in der regionalen Führung bleiben Hardliner.
Wie sich diese ideologische Kluft innerhalb der Familie der Hindunationalisten in naher Zukunft und in der kommenden Dekade auswirken wird, ist noch abzuwarten. Es gibt jedoch Spekulationen, dass immer mehr Individuen und Gruppierungen, die mit der RSS verbunden waren, ihren eigenen Weg gehen und eigene Splittergruppen bilden werden.


Obgleich Politiker zunehmend erkennen, dass mit Religion verbundene Konflikte politisch nicht mehr klug sind, ist es vielleicht zu früh, einen grundlegenden Wandel zu erwarten. Aus diesem Grund ist auch noch keines der „Anti-Konversions-Gesetze“, die gegenwärtig in sieben Staaten gültig sind, widerrufen worden. Diese Anti-Konversions-Gesetze beanspruchen, nur unter Zwang oder durch Verlockung erfolgte Konversionen zu verbieten. Weil diese Begriffe aber äusserst dehnbar sind, werden die Gesetze allgemein dazu benutzt, um Christen ins Gefängnis zu bringen oder zu schikanieren, die einfach das Gebot Christi befolgen, den Armen zu helfen und Menschen zu Jüngern zu machen. Diese Gesetze fordern auch, dass alle Konversionen den Behörden gemeldet werden (oder dass man sogar vorher die Genehmigung dazu einholt!). Wird das unterlassen, können Konvertiten und die betroffenen Geistlichen gebüsst oder eingesperrt werden.


Lassen Sie uns dafür beten, dass diese unsinnigen Gesetze abgeschafft werden!