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Somalia: Märtyrer unserer Tage

Wird dieser Flüchtling je wieder in ein befriedetes Somalia zurückkehren können?

Im Februar 2006 brach in Somalia der Bürgerkrieg aus. Die Islamic Courts Union (Union der islamischen Gerichte), ICU, eine Allianz aus Gruppierungen, die die Scharia durchsetzen will, erhob sich.

wea./Januar 2011 – Die ICU, die mit den Scharia-Gerichten der Clans in Mogadischu verbunden ist, kämpft seither gegen die „Allianz für die Wiederherstellung des Friedens und gegen den Terrorismus“. Letztere Allianz wurde von Kriegsherren der Clans gebildet, die die von der UN gestützte und von den USA mit Geldmitteln unterstützte Übergangsregierung (Transitional Federal Government, TFG) schützten. Als im Juni 2006 Mogadischu in die Hände der ICU fiel, floh die TFG in die Stadt Baidoa nahe der äthiopischen Grenze. Nun wurde Sheikh Hassan Dahir Aweys, ein Terrorist und früherer Anführer der mit Al-Qaida vernetzten Al-Itihaad al-Islamiya zum Chef von ICUs Sura-Rat (Parlament) ernannt. Daraufhin verkündete er: „Wer nicht das [islamische] Gebet betet, wird als Ungläubiger betrachtet und unser Scharia-Gesetz ordnet an, dass solch eine Person zu töten ist.“


Aweys bedrohte aber nicht nur Somalier, sondern stellte auch eine Bedrohung für Äthiopiens nationale Sicherheit dar, weil er als islamischer Djihadist auch ein „Gross-Somalia“ anstrebte. Daher drangen am 20. Juli 2006 äthiopische Streitkräfte, von den USA unterstützt, nach Somalia ein, um die belagerte TFG zu verteidigen und die ICU aus dem Sattel zu heben. Die Islamisten erklärten darauf den Djihad. Im Dezember 2006 hatte Äthiopien mit seiner überlegenen Militärmacht die ICU abgesetzt. Die Streitkräfte mussten jedoch - wie die USA im Irak und in Afghanistan - feststellen, dass solch ein „Sieg“ der Anfang eines blutigen Aufstands ist. Die schwerfällig agierende konventionelle Armee mit ihren langen Nachschublinien hatte echte Schwierigkeiten gegen die gut bewaffneten, gut ausgebildeten und indoktrinierten Somalis und ausländischen islamischen Djihadisten anzukämpfen. Von allen aufständischen Gruppierungen ist die Al-Shabab die radikalste und aggressivste. Sie ist ein Ableger der ICU, besteht vor allem aus Jugendlichen und wird von der Al-Qaida unterstützt. Sie will einen Taliban ähnlichen islamischen Staat errichten. In den nun folgenden zwei Jahren erlangten die Djihadisten wieder die Kontrolle über einen grossen Teil des südlichen Somalia.


Im Januar 2009 zog das kampfmüde Äthiopien, frustriert durch den Mangel an internationaler Unterstützung, seine Truppen zurück und so konnten die Islamisten nach Mogadischu zurückfluten, wo sie weiter gegen die von der Afrikanischen Union unterstützten TFG-Streitkräfte kämpfen. Die TFG bot als Friedensangebot an, die Scharia einzuführen. Aber das reichte den Djihadisten nicht aus. Sie haben nun eigene militärische Ausbildungslager und rekrutieren Kämpfer in der ganzen Welt, besonders unter den somalischen Flüchtlingen und Emigranten. Vor allem suchen sie jugendliche Somalis mit einem ausländischen Pass, die in ihrem neuen Land noch keinen Fuss gefasst haben.

Somalische Flüchtlinge müssen in behelfsmässigen Lagern ein karges Dasein fristen. Dazu drohen immer wieder Razzien durch Islamisten.

 

Unglaubliche Brutalität

In ihrer Kampagne zur Eliminierung der „Laster” hat Al-Shabab Mädchen, die vergewaltigt worden waren, gesteinigt. Jungen, die dabei erwischt wurden, wie sie ein Fussballspiel im TV ansahen, wurden erschossen, und viele „Apostaten“ hingerichtet. Im September 2006 wurde Mansuur Mohammed (25) der erste von der Al-Shabab getötete christliche Märtyrer. Er war als „murtid“, d.h. Verräter am Islam, angezeigt worden. Mohammed lehnte ein Angebot ab, zum Islam zu konvertieren und so sein Leben zu retten. Er wurde öffentlich enthauptet und das Video davon weit verbreitet. Im Februar 2009 enthaupteten dann Militante die beiden 11 und 13 Jahre alten Söhne von Musa Mohammed Yusuf, nachdem dieser sich geweigert hatte, Informationen über einen lokalen Gemeindeleiter preiszugeben. Am 10. Juli 2009 wurden sieben Somalier in Baidoa öffentlich enthauptet, einfach nur, weil sie Christen waren. Bis heute sind, soweit wir wissen, rund 20 somalische Christen – die meisten Gemeindeleiter – erschossen oder enthauptet worden, weil Al-Shabab systematisch die somalische Kirche auslöschen will.

Familien trauern um ihre Kinder
Ghelle Hassan Aded sagte, er habe seine 15-jährige Tochter Anab Ghelle Hassan nicht mehr gesehen, seit islamische Ex-tremisten der Al-Shabab-Rebellen sie am 15. Februar 2010 gekidnappt haben. Die Familie gehört zu einer wachsenden Bewegung von Untergrundchristen in Dhusa Mareb.
Aded berichtet, die Terror-Gruppe Al-Shabab („Die Jugend“) habe bereits 2008 damit begonnen, die Aktivitäten der Familie zu überwachen, und sie oft gefragt, warum sie nicht in der Moschee zum Gebet erschienen. Am 15. Februar 2010 haben ihm Verwandte gesagt, sie hätten gesehen, wie Al-Shabab-Milizen seine Tochter um 10 Uhr auf dem lokalen Markt gekidnappt haben. Weil er wusste, dass die Milizen auch bald den Rest der Familie holen würden, floh Aded sofort mit seiner Frau, der 11-jährigen Tochter und dem 10-jährigen Sohn nach Puntland. In Puntland leben sie an einem geheim gehaltenen Ort. Sie trauern um ihre entführte Tochter, aber sie hoffen noch, Anab wieder zu sehen.


Am 21. Juli 2010 drangen Al-Shabab Milizen ins Haus von Osman Abdullah Fataho im 30 km von Mogadischu gelegenen Afgoi ein und erschossen ihn vor seiner Frau und den Kindern. Fataho war schon lange Christ und wurde ins Visier genommen, weil er ein Konvertit aus dem Islam und aktiv in Somalias Untergrundkirche war. Die Milizen entführten Fatahos Frau und vier Kinder im Alter von 5 bis 15 Jahren. Die Frau liessen sie später frei, doch behielten sie ihre vier Kinder, um sie einer Gehirnwäsche zu unterziehen und zu Djihadisten auszubilden.


Die Al-Shabab hat lokal, regional und international Ambitionen. Trotz einiger Machtkämpfe bleibt die Al-Shabab mit Aweys „Hizbul Islam“ verbunden. Mitte September 2010 eroberten sie Radio- und TV-Sender in Mogadischu. Am 20. September sprengte sich ein Selbstmordattentäter am Eingangstor zum Präsidentenpalast der TFG in die Luft, als man auf ihn schoss, weil er in das Gebäude eindringen wollte. Er war früher ein Sicherheitsbeamter des Innenministeriums gewesen und war zu den Al-Shabab übergelaufen. Die Al-Shabab kontrolliert heute den grössten Teil des Südens und Zentralsomalias. Man schätzt ihre Zahl auf 3‘000 bis zu 7‘000.