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China: Gao Zhisheng nach Freilassung massiver staatlicher Kontrolle ausgesetzt

Gao Zhisheng wurde zwar aus dem Gefängnis entlassen, ist aber trotzdem nicht frei.

Amnesty. Radio Free Asia. caa./April 2015 – Nach mehrjähriger Haft wurde der chinesische Christ und Rechtsanwalt Gao Zhisheng am 7. August 2014 aus dem Gefängnis entlassen. Doch seither wird ihm das Leben von den Behörden schwer gemacht.

Gao Zhisheng (52) wurde von den chinesischen Behörden brutal verfolgt und verhaftet, weil er sich für grundlegende Menschenrechte einsetzte (HMK berichtete in der verfolgt-Ausgabe März 2012). Seit seiner Freilassung am 7. August 2014 muss er sich regelmässig bei der Polizei melden, darf nicht „innerhalb oder ausserhalb Chinas Grenzen reisen, keine Kommentare, Literatur und audio- oder visuelle Dokumente schreiben, veröffentlichen oder verbreiten, die den Interessen oder der Ehre Chinas entgegenstehen oder in sonstiger Weise für die chinesische Gesellschaft schädlich sind.“ Bei einem Verstoss drohen Gao Zhisheng weitere Strafen oder eine strafrechtliche Verurteilung.

 

Nach seiner Entlassung konnte seine Frau Geng He, die mit ihrem Sohn und ihrer Tochter seit Januar 2009 in den USA lebt, kurz mit ihm telefonieren. Sie befürchtet, dass ihr Mann im Gefängnis gefoltert oder misshandelt wurde und berichtet:

 

Es war kürzlich sehr kalt und er konnte das Bett nicht verlassen. Im Gefängnis musste er 14 Stunden am Tag arbeiten Sein Rücken ist geschädigt, da er nur eine dünne Baumwolldecke als Bettunterlage hatte.
Vor kurzem ging er zum Zahnarzt und liess sich zwei Zähne ziehen, weil er  unerträgliche Schmerzen hatte. Danach blutete die Wunde sieben ganze Tage lang und er wäre fast verblutet. Jetzt traut er sich nicht mehr, Zähne ziehen zu lassen. Sie müssen halt von alleine ausfallen.

 

Jeden Tag hatte Gao „Besuch“ von Polizisten. Sie störten ganz enorm das  Familienleben seiner Verwandten. Eines  Tages drohte Gao ihnen voller Verzweiflung  mit einem Messer und sagte, er werde bis zum Tod mit ihnen kämpfen, wenn sie weiter versuchten, das Familienleben zu stören. Seitdem sind sie nicht mehr in die Wohnung der Familie gekommen, wie es ihnen beliebte.

„Er sah nicht aus wie ein Mensch”
Als er aus dem Gefängnis kam, bat ich meine Schwester, mir ein paar Fotos von Gao zu schicken. Aber sie tat es nicht. Ich war deswegen sehr wütend auf sie. Doch später fand ich heraus, dass Fotos von Gao damals unerträglich zum Anschauen gewesen wären. Er sah überhaupt nicht mehr wie ein Mensch aus.
Jetzt ist er ganz versessen aufs Lesen. Er hatte nie Zeit zum Lesen, als er als Anwalt arbeitete, und während der acht oder neun Jahren, in denen er „verschwunden“ oder im Gefängnis war, konnte er nicht lesen. Um einen Ausdruck von ihm zu benutzen: Er hat einen Heisshunger nach Büchern, und mit denen verbringt er eben eine Menge Zeit.

 

Als ich zuletzt mit ihm telefonierte, sagt mir Gao, dass er sich stets am 9. Januar weigerte, Nahrung zu sich zu nehmen, sowohl in der Zeit, als er „verschwunden“ war als auch in der Zeit im Gefängnis. Als ich das hörte, wurde ich sehr traurig, denn der 9. Januar war der Tag, an dem er von seinen Kindern getrennt wurde. Er hat seither jedes Jahr an diesen Tag gedacht.
Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir eines Tages wieder als Familie vereinigt sein werden, doch ich bin schon darüber froh, dass ich am Telefon mit ihm reden kann. Ich wage nicht, auf mehr zu hoffen, aber ich wünsche es mir trotzdem sehr.

 

Geng He, im Februar 2015