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Jemen: "Es macht mich sehr traurig"

Matthias Schwab ist Nahost-Projektleiter der HMK und koordiniert die Hilfsprojekte im kriegsversehrten Jemen. Der Experte spricht von der grössten humanitären Krise der Welt.


Herr Schwab, wann waren Sie zum letzten Mal im Jemen?

Matthias Schwab: Das ist einige Jahre her. Das Sicherheitsrisiko für Ausländer ist wegen des Krieges, der Gewalt und des Kidnappings gross. Zugang zum Land haben westliche Experten durch die UNO und das Rote Kreuz, aber wegen der aufwendigen Einreise-Logistik ist das sehr teuer. Deshalb treffe ich mich mit unseren jemenitischen Projektpartnern in Dschibuti, Amman, Äthiopien oder Dubai.

 

 

Foto: © HMK

 

Wenn Sie nicht im Land weilen, wissen Sie denn, was es dort braucht?
Wir pflegen täglich Kontakt mit unseren einheimischen Projektleitern. Seit den 1990er-Jahren arbeiten wir im Jemen und kennen sie seit Langem. In einer Kriegsgesellschaft ist Korruption eine grosse Versuchung. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wer seriös ist.

Sie haben mehrere Jahre mit Ihrer Frau und Ihren drei damals schulpflichtigen Söhnen im Jemen gelebt. Warum haben Sie das Land verlassen?
Eines Nachts jagte Al-Qaida unser Auto in die Luft mit dem Plan, das Haus abzubrennen. Durch die Nachbarn, die zu Hilfe eilten, konnten wir das verhindern. Beduinenstämme und Behörden unterstützten uns. Als uns letztere später eröffneten, uns nicht mehr schützen zu können, verliessen wir das Land. Darum arbeite ich jetzt von der Schweiz aus. Im vergangenen Juli erfuhr ich, dass der damalige Ministerpräsident, der uns sehr geholfen hat, mitsamt seiner Familie in einem Bombenanschlag umgekommen ist.

Wie ist die Lage für die Menschen im Jemen?
Laut Unicef hungern 82 Prozent der Bevölkerung und wissen nicht, wie sie die nächste Mahlzeit beschaffen. Die Preise haben sich verdoppelt. Tausende haben kein Einkommen mehr. Nur die Hälfte der Schulen ist in Betrieb. Die Lehrer haben seit zwei Jahren keinen Lohn erhalten. Immer mehr Eltern verkaufen ihre Kinder zum Heiraten, um ihr eigenes Überleben zu sichern. Geld beschaffen kann sich, wer bei einer Miliz anheuert oder mit der Kat-Droge handelt. Die Saudis bombardieren Äcker, Wassertanks, Schulen, Spitäler und Wohnquartiere mit der Begründung, dort seien Waffenlager versteckt. Durch unreines Trinkwasser infizierten sich 1,3 Millionen Menschen mit Cholera. Anfang des vergangenen Jahres verlor ein mir befreundeter Stammesführer seinen Sohn durch eine Bombe, als er auf der Strasse spielte. Gemäss Unicef sind 93 Prozent der Bombenopfer Zivilisten. Saudi-Arabien fliegt Luftangriffe auf Sanaa, dessen Altstadt Unesco-Weltkulturerbe ist und mit Millionen von Franken saniert wurde.

Welches Ziel verfolgen die Saudis im Jemen?
Der saudische Kronprinz und Verteidigungsminister Mohammed bin Salman möchte die Supermacht im Nahen Osten werden. Jemen ist ein Konkurrent, weil es viel Öl, Erdgas, Mineralien und Gold hat. Im Stellvertreter-Krieg gegen den Iran geht es auch um die Kontrolle der Meerenge Bab al-Mandab, wo täglich mehrere Millionen Fass Öl transportiert werden. Die Saudis befürchten, dass die Machtübernahme der Huthis den freien Durchgang der Meeresstrasse gefährden würde.

Warum stoppt die internationale Gemeinschaft oder Europa Saudi-Arabien nicht?
Das amerikanische Unter- und Oberhaus wollten nach dem Fall Khashoggi die Militärhilfe streichen, aber Präsident Donald Trump, der grösste Unterstützer der Saudis, legte das Veto ein. Immer wieder diskutiere ich mit Verantwortlichen im Menschenrechtsrat: Die Ver-treter sollten einen Stopp der Bombardierungen anstiften und jegliche Waffenlieferungen und wirtschaftliche Hilfe unterbinden. Nach unseren Gesetzen dürfen exportierte Waffen nicht in Konfliktgebieten eingesetzt werden. Das müssen die westlichen Länder kontrollieren. Tauchen im Jemen etwa Schweizer Sturmgewehre und Handgranaten auf, welche die Saudis zu Verteidigungszwecken gekauft haben, sind Sanktionen angezeigt. Ohne westliche Unterstützung wäre der Aggressor in spätestens drei Monaten nicht mehr kampffähig.

Wie funktioniert Ihre Nothilfe?
Unsere einheimischen Mitarbeiter haben Hilfsorganisationen aufgebaut, welche von der UNO koordiniert sind. Auf örtlichen Märkten kaufen sie Nahrungsmittel und Hygieneartikel ein. Diese verteilen sie an die Bevölkerung isolierter, von Frontlinien umgebener Gebiete. Mit den Quartierältesten stellen sie Listen auf, wo die Bedürfnisse am grössten sind. Über zum Teil weite Strecken bringen sie mit Tanklastern Wasser von noch intakten Quellen hin. Zusammen mit den Einwohnern bauen sie zudem Regenwassersammelbecken auf den Flachdächern.

Die Fortsetzung des Interviews (2. Teil) werden Sie in der nächsten verfolgt-Ausgabe (April 2020) finden.


Interview: Yvonne Baldinini
Quelle: Berner Landbote, 18.12.2019

Unsere Soforthilfe im Jemen

  • Nahrungsmittel, Trinkwasser und Filter
  • Obdach, Zufluchtsorte
  • Medizinische Hilfe, Cholera-Bekämpfung
  • Traumabewältigung
  • Schulbildung, Ausbildungskurse

Jemen – Nothilfe in schwer zugänglichen Gebieten

Matthias Schwab studierte Arabisch und Orientalistik. Er leistete viele Jahre Entwicklungszusammenarbeit im Nahen Osten, wovon mehrere Jahre im Jemen. Aus Sicherheitsgründen möchte er nicht fotografiert werden.

Unterstützen Sie diese lebensrettende Hilfe!
Mit CHF 70.– (€ 60.–) können Sie einer Familie eine Monatsration Essen zukommen lassen.
Mit CHF 100.– (€ 85.–) ermöglichen Sie für eine Familie Trinkwasserversorgung und Cholera-Prävention.
Mit CHF 60.– (€ 52.–) ermöglichen Sie einem Kind die Schulbildung für ein Jahr.

 

 

Foto © HMK