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Jemen: Durch Hilfe vor Ort Hoffnung schenken

Matthias Schwab ist Nahost-Projektleiter der HMK und koordiniert die Hilfsprojekte im kriegsversehrten Jemen. Der Experte spricht von der grössten humanitären Krise der Welt.

 

Fortsetzung des Interviews in der verfolgt-Ausgabe März 2020.

Herr Schwab, welchen Bevölkerungs-gruppen kommt Ihre Hilfe zugut?
Mit unseren Mitteln helfen wir den Ärmsten der Armen. Wir berücksichtigen auch Aussenseiter ohne Personenregistrierung – wie die religiöse Minderheit der Bahai oder Menschen aus der früheren Sklavenhaltergesellschaft. Tausende von ihnen sterben an Hunger und Cholera, aber sie tauchen in keiner Statistik auf. Wir gewähren Frauen, deren Männer durch den Konflikt umgekommen sind, ein Obdach, weil sie und ihre Kinder sonst Opfer von Gewalt werden.

 

 

© HMK

 

Führen Sie auch Hilfsgüter ein?
Saudi-Arabien und die Koalition blockieren die Zufahrten auf dem Meer, auf dem Land und in der Luft. Es gibt oft fast keine Produkte. Die Lage hat sich zwar dank des Friedensabkommens für Hudaida, den wichtigsten Hafen, beruhigt. Wir haben über Aden medizinisches Material wie Rollstühle oder proteinhaltige Nahrung für Kinder hereingeschifft. Korruption ist ein Riesenproblem. Die Container liegen monatelang im Hafen fest. Wir weigern uns, Schmiergeld zu bezahlen. Deshalb braucht es gute Beziehungen. An den Checkpoints der Transportroute fordern die Offiziere ihren Teil ein. Unsere lokalen Kontaktpersonen beeinflussen sie, indem sie ihnen die Not der Mitbrüder, Frauen und Kinder klarmachen. Das ist aber ein langwieriger Prozess.

Wohin können die Jemeniten flüchten?
Allein von unseren Regionalleitern mussten die meisten bis zu vier mal in eine andere Region fliehen. Es gibt 4,3 Millionen Binnenflüchtlinge, die Haus und Hof verlassen mussten. Jeder Jemenit, der offiziell ausreisen will, braucht die Genehmigung von Saudi-Arabien. Weil der Landweg geschlossen ist, versuchen viele, illegal mit Holzbooten übers Rote Meer nach Eritrea, Äthiopien, Dschibuti, Ägypten oder Somalia zu gelangen. Das ist sehr gefährlich; viele ertrinken und werden beschossen.


Woher schöpfen Sie die Kraft, täglich mit diesem Leid konfrontiert zu sein?
Es macht mich und meine Familie sehr traurig. Wir haben ein Dutzend enge Bekannte durch Bomben und Terroranschläge verloren. Täglich kriege ich verzweifelte Anrufe und WhatsApp aus dem Jemen. Meine Motivation ist, durch Hilfe vor Ort Hoffnung zu schenken. Das hat die Bevölkerung am meisten nötig. Mut machen mir die Menschen, die sich einsetzen, wie unsere einheimischen Partner, die jeden Tag ihr Leben riskieren. Auch mein Glaube hilft mir.

Was als regionaler Konflikt begann, wurde zum Stellvertreterkrieg
Nach der Wiedervereinigung des Nord- und Südjemens 1990 fühlen sich die Zaiditen, eine moderat schiitische Bevölkerungsgruppe im Norden, ebenso wie die Südjemeniten von der Regierung politisch und wirtschaftlich vernachlässigt. 2004 kommt es in der nördlichsten Provinz zu Aufständen der zaiditisch-schiitischen Huthis gegen die Regierung. Saudi-Arabien und dessen Rechtsgelehrte betrachten die Schiiten nicht als wahre Muslime. Das Königshaus hetzt Stämme gegeneinander auf, um den strengen sunnitischen Islam des Nordens im ebenfalls sunnitischen, aber säkular ausgerichteten Süden zu verbreiten. 2011 erfasst der Arabische Frühling den Jemen. Präsident Ali Abdullah Saleh setzt Militär gegen die Proteste ein. 2012 tritt er zurück, der sunnitische Vizepräsident Abed Rabbo Mansur Hadi folgt nach. Beim Entwurf einer Verfassung fühlen sich die schiitischen Huthis und die säkularen Südseparatisten, die sich wieder vom Norden trennen möchten, ausgeschlossen. 2014 finden die Huthis immer mehr Anhänger und übernehmen in der Hauptstadt Sanaa die Macht. Hadi flüchtet ins verbündete Nachbarland Saudi-Arabien. Als die Huthis 2015 in Aden, der früheren Hauptstadt des Südjemen, einmarschieren, greift Saudi-Arabien mit seinen Verbündeten, vor allem den Vereinigten Arabischen Emiraten, mit Luftangriffen gegen die Huthis ein. Die USA unterstützen diese Koalition. Die Huthis werden aus dem Süden vertrieben, Sanaa und die Schiitengebiete im Norden bleiben unter ihrer Kontrolle. Durch den Krieg und die Isolation radikalisieren sie sich. Saudi-Arabien beschuldigt den Iran, hinter den Huthis zu stehen, um auf der arabischen Halbinsel Fuss zu fassen. Es nutzt auch Terrorgruppen wie Al-Qaida, um gegen sie zu kämpfen.


Interview: Yvonne Baldinini
Quelle: Berner Landbote, 18.12.2019

@ HMK

Unsere Soforthilfe im Jemen

  • Nahrungsmittel, Trinkwasser und Filter
  • Obdach, Zufluchtsorte
  • Medizinische Hilfe, Cholera-Bekämpfung
  • Traumabewältigung
  • Schulbildung, Ausbildungskurse

Jemen – Nothilfe in schwer zugänglichen Gebieten

Matthias Schwab studierte Arabisch und Orientalistik. Er leistete viele Jahre Entwicklungszusammenarbeit im Nahen Osten, wovon mehrere Jahre im Jemen. Aus Sicherheitsgründen möchte er nicht fotografiert werden.

Unterstützen Sie diese lebensrettende Hilfe!
Mit CHF 70.– (€ 60.–) können Sie einer Familie eine Monatsration Essen zukommen lassen.
Mit CHF 100.– (€ 85.–) ermöglichen Sie für eine Familie Trinkwasserversorgung und Cholera-Prävention.
Mit CHF 60.– (€ 52.–) ermöglichen Sie einem Kind die Schulbildung für ein Jahr.

 

 

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