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Algerien: Wachstum trotz Herausforderungen

Obwohl Algerier von den in Nordafrika beheimateten Berbervölkern abstammen, bezeichnen sich die meisten heute als Araber. Eine aggressive Arabisierungs- und Islamisierungsbewegung in den letzten Jahrzehnten verstärkte diesen Trend noch, während Algerien alle Spuren der französischen Kolonialherrschaft zu beseitigen sucht.

 

Juni 2021 - hmk. Ende Februar 2019 begann die friedliche Protestbewegung «Hirak», welche fortan jeden Samstag landesweit Tausende auf die Strassen trieb. Auslöser war die Entscheidung von Langzeit-Präsident Bouteflika, eine fünfte Amtszeit anzustreben. Unter dem massiven Druck der Strasse trat er am 2. April 2019 zurück. Nach einem Übergangsstaatschef wurde im Dezember 2019 schliesslich Abdelmadjid Tebboune zum neuen Präsidenten gewählt.

Die eigentlichen Machthaber

Die Regierungskrise zeigte, dass die eigentlichen Machthaber im Hintergrund schon immer die Generäle der Armee waren. Einige nennen die Regierung darum eine «Armee-Diktatur». Der «Hirak» wurde wegen den Massnahmen zur Eindämmung von Covid ein Jahr lang polizeilich gestoppt. Seit anfangs 2021 hat die totgeglaubte Protestbewegung wieder eingesetzt, denn die Menschen in Algerien sind ohne jede Perspektive. Es gibt auch keine Hoffnung mehr, dass die korrupte Behörde das Land im Interesse seiner Bewohner voranbringen würde. Gerade die sonst politisch desinteressierte Jugend gibt im «Hirak» ihrer Enttäuschung und Frustration plötzlich lautstark Ausdruck.

Restriktive Religionsgesetze
Das Erstarken des Islams hat es für evangelikale Christen zunehmend schwieriger gemacht, ihren Glauben an Jesus Christus frei auszuleben. So ist es den Kirchen verboten, Bibelstudien zu veranstalten oder Sonntagsschulen abzuhalten. Die algerische Regierung nutzt die restriktiven Religionsgesetze von 2006, um protestantische Kirchen zu schliessen. Es ist verboten, das Evangelium weiterzugeben, denn dies würde «den Glauben eines Moslems erschüttern». Die Bekehrung respektive Verführung zum Abfall vom Islam steht unter Strafe und kann bis zu fünf Jahre Gefängnis bedeuten. Gegenwärtig gelten 99% der Menschen als vom Evangelium unerreicht.

Aber inmitten dieser Heraus-forderungen bewirkt Christus, dass sein Leib standhaft bleibt und wächst. Die immer noch kleine evangelikale Gemeinschaft wächst gemäss Joshua Project dreimal schneller als der weltweite Durchschnitt. Dieses Wachstum setzte in den 90'er Jahren nach einer Erweckung
in der Kabylei ein. Von den seither in Garagen und Innenhöfen etablierten Kirchenräumen, wurden in den letzten Jahren 14 behördlich versiegelt. Einige dieser Kirchen zählen mehr als tausend Mitglieder, und sie strahlen ihre Gottesdienste online aus.

Im Rekordtempo zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt
Die Behörden waren während dem Lockdown nicht untätig, sondern haben die Einschränkungen hem-mungslos als Vorwand benutzt, um stärker gegen Christen vorzugehen. Der Christ Hamid wurde beispielsweise Mitte Januar von der Polizei zu einem Gerichtstermin vorgeladen. Am 21. Januar dieses Jahres wurde er wegen «Gotteslästerung» im Rekordtempo zu 5 Jahren Jahren Gefängnis verurteilt. Im Juni 2018 hatte er auf Facebook einen Beitrag von jemandem mit «gefällt mir» markiert. Die gezeigte Karikatur spielte auf Mohammeds Eheschliessung mit Aischa an, als diese erst 9 Jahre alt war. Gott oder Allah wird mit keinem Wort erwähnt. Während der Urteilsverkündung verliess der Richter drei Mal den Gerichtssaal, um zu telefonieren. Es schien, als ob der Richter den friedvollen Vater von vier kleinen Kindern eigentlich freisprechen wollte, aber schlussendlich «von oben» dazu gezwungen wurde, Hamid zu verurteilen. So unabhängig, wie Algerien seine Justiz in Genf vor dem Menschenrechts-Rat darstellt, ist sie offenbar nicht. Hamid hat Einspruch erhoben, doch dieser wurde in erster Instanz und leider Ende März auch in zweiter Instanz abgelehnt.

Christlicher Bücherladen gestürmt

Das Vorgehen gegen den christlichen Leiter Rachid aus Oran ist ein weiteres Beispiel. Sein Fall geht aufs Jahr 2018 zurück. Ein Kommando der Polizei stürmte seinen Bücherladen und konfiszierte alles Material als Beweismittel. Doch Rachid und sein Mitarbeiter gewannen den Rechtsstreit und wurden freigesprochen, weil man dort nur eigene oder christliche Schriften fand, aber nichts, das den Islam, den Koran oder Mohammed betrifft. Selbst von der erneuten Anklage durch den Bürgermeister wurde er freigesprochen. Als sie mit der Justiz darum kämpften, ihr Material wieder zurück zu bekommen, kam Covid. Nach dem Lockdown, als die Moscheen wieder öffneten, war Rachid im Justizministerium und wollte auch für ihren Versammlungsraum um Wiedereröffnung bitten. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm stattdessen eröffnet, dass das Büro für religiöse Angelegenheit ihn wegen des Buchladens erneut angeklagt habe. Man teilte ihm auch mit, dass ihn ein Richter vor mehreren Monaten in Abwesenheit zu zwei Jahren Haft verurteilte, weil er «den Glauben von Muslimen erschüttert» haben soll. Das Urteil ist wieder gestützt auf das berüchtigte und gerne für die Verfolgung von algerischen Christen benutzte Religionsgesetz «Ordonnance 03-06».

Lebensmittelpakete für Familien

Die Bevölkerung hat jegliche Per-spektive verloren und leidet unsäglich an den wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns. Die Partner der HMK helfen so gut es geht, und reagieren auf die enormen Bedürfnisse in ihrer Umgebung. Mit ihrem lokalen Verein verteilen sie Lebensmittelpakete an besonders stark betroffene Familien, die für 2 Wochen ausreichen. Ein Paket kostet etwa 50 Franken (45 Euro).