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Albanien: „Mein Leben gehört Ihm, egal was passiert”

Im christlichen Buchladen des Stephanus-Begegnungszentrum in Tirana.

hmk./ Februar 2016 - Dies waren die Worte, die Pastor Dritan aus Nordalbanien zu seiner Frau sprach, als er sich entschieden hatte, sich nicht länger in seinem Haus zu verstecken. Er entschied sich für die Freiheit, und schaute dem Tod in die Augen.

Pastor Dritan beging kein Verbrechen. Sein einziges „Verschulden“ war, dass er im Norden Albaniens in eine Familie hineingeboren worden war, die sich weitgehend nach dem Kanun richtete. Der Kanun ist ein ungeschriebenes Gesetz, wonach Tod mit Blut gesühnt wird. Dritan tangierte dieses Gesetz bisher nicht persönlich – bis zu dem Tag, als sein Onkel im Streit einen anderen Mann tötete.


Dritan hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Onkel, da dieser ihn wegen seiner Tätigkeit als Pastor ablehnte. Gemäss dem Gewohnheitsrecht Kanun sollte nun jedoch das Vergehen des Onkels mit seinem eigenen Leben gesühnt werden. Dritan musste beim Verlassen seines Hauses stets damit rechnen, von einem Familienmitglied des getöteten Mannes ermordet zu werden.

Todesangst überwunden
Gelähmt durch dieses Todesurteil versteckte er sich zuerst daheim, bis er eines Tages seiner Frau Elona sagte: „Gott hat mir gezeigt, dass mein Leben nicht mir, sondern Ihm gehört. So verlasse ich nun das Haus und diene Gott!“ Trotz dem Bewusstsein, jederzeit umgebracht zu werden, verspürte er grossen Frieden und eine innere Freiheit. Als Pastor tat er treu seinen Dienst und während mehreren Monaten besuchte er andere von Blutrache betroffene Familien, versorgte und ermutigte sie.

Vater vor den Augen seiner Kinder erschossen
Im Herbst 2010 geschah es: Als Dritan die Kirche verliess, wurde er vor den Augen seiner beiden Kinder auf offener Strasse erschossen. Das Blut war gesühnt. Elona und die Kinder standen unter Schock. Für die Familie begann ein langer Prozess der Trauer und Verarbeitung. Sie haben sich entschieden, der anderen Familie und dem Täter zu vergeben. Sie wollen den Tod nicht mit Blut rächen. Sie wollen die Macht des Todes brechen. „Ich spüre so stark, dass Gott ein liebender Vater ist. Ich weiss, weshalb er dies zugelassen hat. Es musste für etwas Grösseres gut sein, zu Seiner Ehre“, sagt Elona.

Hinterbliebene Ehefrau tritt in seine Fussstapfen
Heute leitet Elona die Gemeinde ihres Mannes. Sie betreut regelmässig Familien, die von Blutrache betroffen sind, und setzt sich lokal und auch auf nationaler Ebene für sie ein. Sie gehört zum Netzwerk der HMK in Albanien und war auch an der HMK-Nothilfe nach den schweren Regenfällen im Frühling 2015 beteiligt. Weite Teile Albaniens waren damals überschwemmt. Dank der Hilfe aus der Schweiz durften auch Familien aus Elonas Gemeinde Hilfe erhalten.


Eine der Familien ist selbst von der Blutrache betroffen, weshalb sich die Männer zu Hause verstecken. Durch die Fluten wurde das Haus verwüstet, Möbel und Geräte zerstört. Mittels der Nothilfe konnte das Haus saniert, Möbel und Waschmaschine ersetzt werden (Foto). Elona sagt: „Es war eine göttliche Arbeit, dieser Familie zu helfen. Die Frau kann es immer noch nicht glauben, dass ihr geholfen wurde. Sie weint oft, sagt, sie hätte es nicht verdient. Dann erwidere ich jeweils: ‚Du brauchst es nicht zu verdienen, dies ist Gottes Gnade!‘“

Was ist Kanun?

Der Kanun ist ein jahrhundertealtes, ungeschriebenes Gewohnheitsrecht, das vorwiegend in Nordalbanien verbreitet ist. Dabei handelt es sich um eine Lebensordnung über Gastfreundschaft, Ehre, Leben und Tod. Auch die Blutrache gehört dazu, ein Prinzip zur Sühnung von Verbrechen. Dabei werden Tötungen oder Ehrverletzungen durch Tötungen gerächt. Schätzungen zufolge müssen sich heute Männer und Knaben aus mehreren Tausend Familien in Nordalbanien zu Hause versteckt halten, weil sie in Gefahr sind, Opfer der Blutrache zu werden. Knaben können die Schule nicht besuchen, Männer können nicht arbeiten, warten zu Hause auf den Tod.

HMK-Hilfe in Albanien

Stephanus-Begegnungszentrum
Einer der lokalen Projektpartner der HMK in Albanien ist das Stephanus-Begegnungszentrum. Dazu gehören ein Buchladen, ein Gästehaus und Schulungsräume. Weiterbildungen und Vernetzung von Gemeindeleitern und Christen auf dem Balkan sind ein zentrales Anliegen. Vom Zentrum ausgehend werden Pastoren in Albanien und den angrenzenden Ländern geschult und unterstützt sowie Menschen mit einer Behinderung regelmässig betreut und gefördert.

Dorfentwicklungsprojekt

Weiter sind wir als HMK in einem Dorfentwicklungsprojekt engagiert. Zurzeit erhalten dort über 300 Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen und zehn mittellose Witwen dreimal pro Woche eine warme Mahlzeit, Bildungsangebote (Englisch- und Informatikunterricht, Vermittlung sozialer Kompetenzen) und werden persönlich betreut. Die Kinder erhalten zudem schulischen Nachhilfeunterricht und Unterstützung durch einen Sozialarbeiter.

Nothilfe nach Überflutungen

Nach den starken Regenfällen im Februar 2015 leisteten wir als HMK über unsere albanischen Projektpartner vor Ort Nothilfe. Betroffene Menschen erhielten Nahrungsmittel, sauberes Wasser, frische Kleidung, Haushaltsmaterial und Hilfe bei der Renovation ihres Heims.

Unterstützen Sie unser Engagement in Albanien? Beim Dorfentwicklungsprojekt können Sie beispielsweise mit 250 Franken (230 Euro) die Kosten eines Kindes für ein ganzes Jahr abdecken.

Nach den verheerenden Regenfällen im Frühjahr 2015 erhält eine von Blutrache betroffene Familie Hilfe von den lokalen Projektpartnern der HMK.