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Ägypten: Pogrom-Stimmung gegen Christen

Niedergebrannte Kirche in Ägypten

In den Tagen des Aufruhrs bangt Ägyptens christliche Minderheit um Leib und Leben. Entfesselte Mursi-Anhänger sollen laut Augenzeugen Kirchen angezündet haben.

Oktober 2013 – Als die Sicherheitskräfte im August 2013 die Protestlager in Kairo mit brutaler Gewalt räumten, entlud sich die Wut der Islamisten auch gegen Kopten und andere christliche Gemeinden am Nil. Kirchen brannten, Geschäfte wurden geplündert, und selbst in ihren Wohnungen sollen Christen vor Anhängern des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi nicht mehr sicher gewesen sein. Betroffene schildern eine Art Pogrom-Stimmung.

Atmosphäre des Schreckens
«Die Menschen sind entsetzt, keiner traut sich aus dem Haus», sagt ein 27-jähriger Ingenieur aus der zentralägyptischen Stadt Sohag der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Sohag sei eine Geisterstadt, sagt er. In den bekannten koptischen Nachbarschaften werde von den Angreifern eine Atmosphäre des Schreckens verbreitet. Mehrere Kirchen seien angezündet worden, später hätten sich die Islamisten auch Privathäuser vorgenommen, schildert er die Geschehnisse.

Die koptische Jugendorganisation Maspero Youth Union dokumentiert die Übergriffe seit langem. «Kopten wurden in neun Gouvernements angegriffen», listet Maspero nach den jüngsten Unruhen auf. Ihr einziges «Verbrechen» sei, dass sie Christen seien.

Laut der Nichtregierungsorganisation Ägyptische Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR) wurden am Mittwoch und Donnerstag 14./15. August 2013 insgesamt mindestens 25 Kirchen in Brand gesetzt. In 10 der 27 Provinzen des Landes seien auch christliche Schulen, Läden und Häuser attackiert worden. Bereits unter Mursi habe es immer wieder Übergriffe gegeben, heisst es bei Maspero. Die Anhänger Mursis werfen den Christen vor, den 2011 entmachteten Staatschef Husni Mubarak unterstützt zu haben – wobei die Minderheit auch schon damals regelmässig Ziel von religiös motivierten Übergriffen von Islamisten gewesen war. Dass Koptenpapst Tawadros II. die Absetzung Mursis durch das Militär am 3. Juli unterstützte, stachelt den Zorn seiner Anhänger aber nochmals an.

Solidarität mit Christen
Christen machen etwa zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung aus. Und nicht nur die Kopten sind im Visier der Islamisten. Aus dem irakischen Kirkuk meldete sich der chaldäisch-katholische Erzbischof Louis Sako zu Wort: «Das ist eine wirkliche Katastrophe.» Die Region sei ein «gefährlicher Vulkan». Nach Angaben des Patriarchen wurde am Mittwoch auch eine chaldäische Kirche angezündet. Die vom Militär eingesetzte Interimsregierung bezeichnete die Angriffe als «rote Linie». Auf weitere Attacken werde mit einer «konsequenten Antwort» reagiert. Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi kündigte gar an, das Militär werde für die Wiederherstellung der beschädigten Kirchen aufkommen. Und Regierungschef Hasem Beblawi traf sich demonstrativ mit Patriarch Tawadros II., dem er seine Solidarität bekundete. Nach Berichten der amtlichen Nachrichtenagentur Mena wurden 80 Mursi-Anhänger wegen mutmasslicher Übergriffe auf Kirchen in der Stadt Suez festgenommen.

Attacken abseits von Städten
Angesichts der entfesselten Mursi-Anhänger verurteilte auch die Muslimbruderschaft – politische Heimat des entmachteten Präsidenten – die Attacken über den Kurznachrichtendienst Twitter. Nicht ohne jedoch noch einmal auf die Rolle «einiger koptischer Führer» hinzuweisen, die den Sturz Mursis unterstützt hätten. Muslimbrüder-Sprecher Gehad al-Haddad gab aber dabei die eigentliche Schuld der Regierung. Auch EIPR-Vertreter Ishaq Ibrahim sieht die Regierung in der Pflicht. Diese sei nicht imstande, die «Bevölkerung zu beschützen». Die meisten Übergriffe seien nicht in den Städten mit hoher Präsenz an Sicherheitskräften verübt worden, sondern abseits, wo Christen ungeschützt seien.

Autorin: Sarah Benhaida, AFP
Quelle: SDA / Berner Zeitung, 17.08.2013.



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